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Ukrainisch-orthodoxe Kirche : Gott und Vaterland

Der ukrainische Präsident Petro Poroschenko und Patriarch Filaret Bild: Reuters

Nachdem der Ökumenische Patriarch in Konstantinopel die Eigenständigkeit der ukrainischen Kirche wiederhergestellt hat, reagiert Moskau mit Drohungen. Doch auch der ukrainische Präsident Poroschenko gießt Öl ins Feuer.

          Der Streit um die Eigenständigkeit der orthodoxen Kirche in der Ukraine dreht sich nicht um religiöse Fragen, sondern um Macht und Einfluss. Für den Kreml spielt die Russische Orthodoxe Kirche in der Innen- wie in der Außenpolitik eine große Rolle. Die Kirche legitimiert Präsident Putins autoritäre Herrschaft, indem sie das Kollektiv über individuelle Bürgerrechte stellt, sie liefert mit ihrer Morallehre die Argumente für die Propaganda gegen den „verkommenen Westen“ und „Gayropa“, und sie ist untrennbar verbunden mit der Idee einer Staatsgrenzen überspringenden „Russischen Welt“, zu der nach Moskauer Lesart alle gehören, die kulturell oder religiös irgendwie mit Russland verbunden sind. In der Ukraine war bisher die dem Moskauer Patriarchat unterstehende orthodoxe Kirche eines der Instrumente, mit denen der Kreml versucht hat, auf die innere Entwicklung des Landes Einfluss zu nehmen. Nachdem der Ökumenische Patriarch in Konstantinopel die Eigenständigkeit der ukrainischen Kirche wiederhergestellt hat, könnte dieser Hebel deutlich schwächer werden.

          Dies ist ein wesentlicher Grund für die harten kirchlichen wie weltlichen Reaktionen in Moskau. Die kurzfristigen Folgen der Entscheidung könnten zunächst allerdings durchaus im Sinne Moskaus sein: In vielen ukrainischen Städten und Dörfern drohen nun Konflikte darüber, zu welcher der beiden Kirchen, der russischen oder der ukrainischen, Gemeinden und – damit verbunden – die Kirchengebäude und sonstiges Eigentum künftig gehören werden. Anfang der neunziger Jahre, als sich die nun international anerkannte ukrainische Kirche vom Moskauer Patriarchat gelöst hat, wurden diese Auseinandersetzungen oft mit Fäusten ausgetragen. Vor diesem Hintergrund ist die im Gewande von Warnungen vorgetragene Moskauer Drohung zu verstehen, es könne nun zu einem Blutvergießen kommen.

          Die ukrainische Führung ist sich dieser Gefahr offensichtlich bewusst, wie Äußerungen sowohl Präsident Poroschenkos als auch des Kiewer Patriarchen Filaret zeigen. Aber gleichzeitig gießt Poroschenko selbst Öl ins Feuer. Wenn er von einem „Sieg des Gott liebenden ukrainischen Volkes über die Moskauer Dämonen“ spricht, dann bedient er sich einer Sprache, die vor etwas mehr als hundert Jahren direkt in die große europäische Katastrophe des 20. Jahrhunderts geführt hat.

          Reinhard Veser

          Redakteur in der Politik.

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