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Ukrainekrieg : Russische Truppen erobern Sewerodonezk

Lyssytschansk: Soldaten liegen auf einem Panzer und sitzen Fahrzeugen in den Außenbezirken der Stadt. Bild: dpa

Kiews Truppen ziehen aus dem äußersten Osten der Ukraine ab. Präsident Wolodymyr Selenskyj dankt für den EU-Kandidatenstatus seines Landes.

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          Russische Truppen rücken am östlichsten Zipfel des freien ukrainischen Territoriums weiter nach Westen vor. Gekämpft wurde dabei um zwei Nachbarstädte von jeweils etwa 100.000 Einwohnern, Sewerodonezk und Lyssytschansk. Sie liegen beide im Westen des Bezirks Luhansk. Dessen von Kiew eingesetzter Gouverneur Serhij Hajdaj sagte am Freitag im Fernsehen, die ukrainischen Truppen sollten aus Sewerodonezk abziehen. „Es ist sinnlos, in Stellungen zu bleiben, die über viele Monate hinweg zertrümmert wurden, nur um dort zu bleiben.“

          Gerhard Gnauck
          Politischer Korrespondent für Polen, die Ukraine, Estland, Lettland und Litauen mit Sitz in Warschau.

          Andere Quellen, welche das Portal „Ukrainska Prawda“ zitierte, berichteten, in der Nacht zum Freitag seien ukrainische Einheiten unter Beschuss, aber geordnet aus Sewerodonezk abgezogen. In der Stadt sollen sich aber noch Tausende Zivilisten aufhalten. Der Chef der Stadtverwaltung schrieb am Freitag auf Facebook: „Ich rufe alle zur Evakuierung auf! Habt keine Angst davor und zweifelt nicht.“

          Das amerikanische Institut ISW, einer der führenden Beobachter des Kriegsgeschehens, schrieb in seinem jüngsten Tagesbericht, die russischen Truppen haben in der Gegend „in den letzten Tagen erhebliche Geländegewinne gemacht, und die ukrainischen erlitten weiterhin schwere Verluste“. Die Ukrainer richten sich offenbar auf den Verlust beider Städte im Zipfel ein; doch werde dieser „keinen größeren Wendepunkt in diesem Krieg darstellen“. Auch weiter südlich im Donbass rückten die Russen vor. Immerhin sei es den Ukrainern gelungen, die Russen wochenlang aufzuhalten und ihre Truppen zu beschädigen. Das Institut rechnet damit, dass „russische Offensivoperationen in den kommenden Wochen wahrscheinlich zu einem Stillstand kommen werden“.

          Am Freitag dankte der Präsident der Ukraine, Wolodymyr Selenskyj, den Vereinigten Staaten und der EU für ihre Unterstützung. Die USA hatten am Vortag ein neues Hilfspaket im Wert von 450 Millionen Dollar angekündigt, das Raketenwerfer mit großer Reichweite und Patrouillenboote enthalten soll. Die EU hatte dem Land am Donnerstag den Kandidatenstatus für eine Mitgliedschaft zugesagt. Selenskyj sprach von einem Wendepunkt: „Die Ukraine ist kein Polster zwischen dem Westen und Russland, kein Puffer zwischen Europa und Asien, keine Einflusssphäre, keine Grauzone“, sagte Selenskyj. Die Ukraine sei ein „künftiger gleichrangiger Partner für mindestens 27 EU-Länder“.

          Kiew will Deutschland bei der Abkehr von russischer Energie unterstützen und die Lieferung von Atomstrom anbieten. Die Kernenergie mache in der Ukraine mit „mehr als 50 Prozent einen zentralen Bestandteil der kohlenstofffreien Energieerzeugung aus“, schrieb Energieminister Herman Haluschtschenko in der „Wirtschaftswoche“.

          Derweil beriet in Berlin eine internationale Konferenz über Auswege aus der durch den Ukrainekrieg dramatisch verschärften Hungerkrise in der Welt. Russland setze Hunger „ganz bewusst als Kriegswaffe“ ein und mache „die ganze Welt zur Geisel“, kritisierte Außenministerin Annalena Baerbock (Grüne) mit Blick auf die blockierten Getreideexporte der Ukraine. Kurzfristig sollen alternative Exportwege gefunden und Nothilfen für Afrika aufgestockt werden.

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