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Ukraine : Wie kam der Sprengstoff ins Backrohr?

Das Regime kämpft gegen die Opposition von Viktor Yushchenko Bild: REUTERS

Das Regime in der Ukraine drängt die Opposition mit vielfältigen Mitteln zurück. Dazu gehören auch fingierte Straftaten. Der Gefahr, einen Märtyrer auf der Gegenseite zu schaffen, geht man aber aus dem Weg.

          3 Min.

          Natalia Bich, Vorzimmerdame beim Distriktsgericht des Desnianski-Kreises im ukrainischen Tschernihiw, blickt starr auf einen Punkt im Zentrum des Computerbildschirms und dreht den Besuchern ihre Rückseite zu.

          Konrad Schuller

          Politischer Korrespondent der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung in Berlin.

          Hinter der Tür, deren Bewachung ihr obliegt, befindet sich das Büro des Richters, und in diesem Büro findet die Verhandlung wegen dieses Terroristen statt. So etwas geschieht eben, daß Seine Ehren es bequemer findet, in seinem Sessel zu tagen, als im Gerichtssaal. Nein, sagt Natalia Bich, und wendet sich schließlich doch dem Bittsteller zu. Ausgeschlossen. Presse könne unter diesen Umständen keinesfalls zugelassen werden.

          Mit allen Mitteln

          Es ist Wahlkampf in der Ukraine, und Ministerpräsident Viktor Janukowitsch, der Vertreter der postsowjetischen Industrieoligarchen im Osten des Landes, ist in der Defensive. Sein liberaler Herausforderer Viktor Juschtschenko hat in der ersten Runde der Präsidentenwahl einen hauchdünnen Vorsprung gewonnen. Am Sonntag nun ist Stichwahl, und der Apparat sucht mit allen erlaubten sowie einigen unerlaubten Instrumenten die Opposition zurückzudrängen.

          Eines der Instrumente wird gerade hinter der verschlossenen Türe vorgezeigt, welche die gewaltige Natalia Bich verteidigt. Olexandr Lumako, ein schmaler, ernst blickender Student von 20 Jahren, muß sich dort des Vorwurfs erwehren, nicht nur die örtliche Dependance der oppositionellen Jugendbewegung Pora koordiniert, sondern darüber hinaus eine Bombe besessen zu haben. Am 19. Oktober will die Polizei 576 Gramm TNT samt Zünder in seinem Ofenrohr gefunden haben.

          Auch fingierte Straftaten gehören dazu

          Natalia Bich kommt aus dem Büro. Die Gäste haben gedrängelt, sich auf die Gesetze berufen, dringend Zutritt erbeten - so lange, bis sie schließlich doch anklopfte und dem Richter Andrej Steblina das Ersuchen vortrug. Jetzt ist sie wieder da, schließt die Tür sorgfältig hinter sich, und Triumph umspielt ihren mit reichlich Lippenstift geschmückten Mund. "Wie ich es sagte: Es sind keine Stühle vorhanden... Tut mir leid." Die Presse bleibt draußen.

          Pora berichtet von Festnahmen und Prügeln im Dunkel der Nacht. Besonders oft kämen Untersuchungsverfahren wegen fingierter Straftaten von Falschgeld- und Rauschgiftbesitz über Diebstahl und Vergewaltigung bis hin zu Terrorismus vor. Daß die Opposition versuche, das Land durch nationalistische Parolen in den Bürgerkrieg zu treiben, ist ein Hauptargument im Wahlkampf Janukowitschs.

          Fehler der Regie

          Die Tür fliegt auf. Eilig verlassen die Prozeßbeteiligten das Gemach. Der Richter verharrt unansprechbar hinter seinem Schreibtisch, doch der Vertreter der Anklage, ein großer Mann in schwarzer Lederjacke, ist nicht schnell genug. Zwar versucht er zunächst, der Frage nach seinem Namen mit Hinweisen auf die geringe Bedeutung seiner Person zu entgehen, doch als die Besucher solche Bescheidenheit nicht gelten lassen, gibt er nach: "Olexandr Beljakowitsch, bitte, wenn es sein muß." Zur Sache, zu Lumako und seiner mutmaßlichen Bombe, aber schweigt er hartnäckig. "Wenden Sie sich an die Führung der Staatsanwaltschaft. Guten Abend." Der Angeklagte selbst ist gesprächiger. Nach seiner Überzeugung ist der Sprengstoff in sein Backrohr geschmuggelt worden, als er kurz vor der Durchsuchung seiner Wohnung zur Polizei geladen wurde.

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