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Ukraine : Wenn die Masken wackeln

Geborgter Glanz: der für die Europameisterschaft geschmückte Unabhängigkeitsplatz in Kiew Bild: REUTERS

Sergej Leschtschenko lässt die Staatsmacht in zusammenzucken. Der Journalist will die Machenschaften des ukrainischen Präsidenten Janukowitsch und seiner Minister aufdecken. Sein Mut bringt ihn in ernste Gefahr.

          Wer diese Straße zu Ende fährt, vorbei an den bunten Lämpchen der Fan-Meile und hinunter zum Strom, dann unter den Kuppeln des Michaelsklosters durch die lärmende Unterstadt Podil aus Kiew hinaus, der steht irgendwann vor den Toren des Präsidenten. Wer aber diese Tore betrachtet, mehrfach hintereinander gestaffelt, außen aus grauem Stahl, weiter innen aber prachtvoll vergoldet in lustvollen Schnörkeln, der versteht ein wenig mehr von Viktor Janukowitsch.

          Konrad Schuller

          Politischer Korrespondent der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung in Berlin.

          Der Präsident der Ukraine achtet aufs Dekorum. Wenn er seinen vergoldeten Audienzsaal betritt, flüstern seine Helfer „Aufstehen!“, wenn er einen Hubschrauber anschafft, dann auf Augenhöhe mit Obama oder Putin. Wer seinen Stolz verletzt, kann im Gefängnis landen. Einer aber, der aufs Dekorum pfeift, fährt gerade diese Straße hinaus, und wer wissen will, was das für einer ist, der sehe sich dieses Video an. Es ist heimlich aufgenommen, zwei ukrainische Minister-Millionäre plaudern, was ukrainische Minister-Millionäre eben so plaudern. Der eine, Boris Kolesnikow, ist unzufrieden, weil der andere, Andrij Kljujew, eine Straße hinaus zu den Villen der Großen anscheinend nur akkurat bis zu seinem eigenen Haus hat ausbauen lassen und keinen Kilometer weiter. Kolesnikow (streng): „Schau her. Sie kommt bis zu deinem Haus, in vier Spuren. Hör mir zu.“ Kljujew (verwirrt): „Nein ...“ Kolesnikow (mit bösem Lächeln): „Ich bring das zur ,Ukrainska Prawda’ ...Gleich kommt Leschtschenko zum Interview.“

          Eine der wichtigsten unabhängigen Stimmen

          Sergej Leschtschenko: Der Mann, mit dem sich ukrainische Minister gegenseitig erschrecken und der sich jetzt aufgemacht hat zu den Toren des Präsidenten, wirkt auf den ersten Blick sehr dünn, sehr jung und sehr blass. Erstaunlich unauffällig kommt er daher für einen, der in den letzten Jahren neben der gefangenen Oppositionsführerin Julija Timoschenko zur größten Gefahr für das Dekorum Janukowitschs geworden ist. Leschtschenko läuft ein wenig vorgebeugt, er ist nie gut rasiert, und in seinen ausgewaschenen T-Shirts lächelt er immer leicht geniert durch die Brillengläser, so als wolle er sich gerade für irgendetwas Peinliches entschuldigen. Jetzt sitzt er am Steuer, es geht ins Grüne, und so ungewöhnlich wie sein Auftreten ist sein Auto. Anders nämlich als all die anderen gefährlichen Männer, vor denen man heute Angst hat in der Ukraine, fährt er keinen dieser deutschen Gangster-Jeepoide, ohne die ein ukrainisches Ministerleben heute nicht mehr denkbar ist, tonnenschwer, schwarz, mit getönten Scheiben, sondern billiges Dünnblech aus Japan oder Korea.

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