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In russischer Gefangenschaft : Was wird aus den „Asowstal“-Kämpfern?

Raus aus „Asowstal“: Russischer Konvoi mit „Evakuierten“ Bild: Getty

Weitere ukrainische Kämpfer werden aus dem Stahlwerk in Mariupol gelassen und begeben sich in russische Gefangenschaft. Dort läuft die staatliche Propaganda auf Hochtouren.

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          Die Ukraine hofft weiterhin auf einen Austausch, um die aus dem „Asowstal“-Gelände in Mariupol abtransportierten Kämpfer aus dem russischen Machtbereich freizubekommen. Präsident Wolodymyr Selenskyj sagte in einer Videobotschaft in der Nacht zu Mittwoch, er habe mit seinem französischen Kollegen Emmanuel Macron „über die Evakuierung unserer Helden aus Asowstal gesprochen. Die Evakuierungsmission dauert an.“ Internationale Vermittler seien beteiligt.

          Gerhard Gnauck
          Politischer Korrespondent für Polen, die Ukraine, Estland, Lettland und Litauen mit Sitz in Warschau.
          Friedrich Schmidt
          Politischer Korrespondent für Russland und die GUS in Moskau.

          Das russische Verteidigungsministerium veröffentlichte am Mittwoch Bilder, auf denen zu sehen ist, wie Kämpfer der Ukraine das Gelände von „Asowstal“ verlassen. Es handelt sich um Soldaten, Nationalgardisten, Grenzbeamte und andere, unter ihnen Frauen. Dazu teilte Moskau mit, seit Montag hätten sich insgesamt 959 Verteidiger von „Asowstal“ ergeben. 80 von ihnen seien verwundet, 51 davon schwer. Letztere würden in einem Krankenhaus in Nowoasowsk auf dem Gelände der „Donezker Volksrepublik“ (DNR) behandelt.

          Ranghöchste ukrainische Kommandeure offenbar noch im Werk

          Die übrigen Ukrainer werden laut der Nachrichtenagentur Reuters in Bussen in eine frühere Strafkolonie im Dorf Oleniwka gebracht, das ebenfalls auf dem von dem Separatistengebilde beanspruchten Gebiet liegt. Denis Puschilin, das „Oberhaupt“ der DNR, teilte mit, dass die ranghöchsten ukrainischen Kommandeure das „Asowstal“-Gelände aber noch nicht verlassen hätten.

          Einer der dortigen ukrainischen Kommandeure, Illja Samojlenko, hatte in einem Gespräch mit dem französischen Philosophen Bernard-Henri Lévi gesagt, alle Zivilisten hätten inzwischen das Stahlwerk verlassen. Das Gespräch veröffentlichte das Kiewer Portal nv.ua am Mittwoch. „Jetzt sind unsere Hände frei für den Kampf. Wir alle blicken dem Tod ins Auge. Aber unsere Leben haben keine Bedeutung. Nur die Ukraine ist wichtig. Dafür müssen wir die Stellung halten. Und dann sterben. Unsere Rolle ist historisch“, sagte Samojlenko in dem Gespräch. Hunderte Menschen seien in dem Stahlwerk ums Leben gekommen. Ihre Leichen seien mit einem Zeremoniell verabschiedet und in den Kellern des Stahlwerks in einem großen Kühlraum untergebracht worden.

          DNR-Chef Puschilin hat angedeutet, das Stahlwerk werde nach dem Krieg nicht wiederaufgebaut, sondern möglicherweise in einen „Technopark“ umgewandelt. Rinat Achmetow, der Besitzer von „Asowstal“ und weiterer, von Russland „ganz oder teilweise zerstörter Unternehmen“, sagte, er werde von Moskau Schadenersatz verlangen. Achmetow ist der größte Unternehmer und „Oligarch“ der Ukraine.

          Sorge vor der „Dehumanisierung“ der gefangenen Kämpfer

          In Russland läuft derweil eine Kampa­gne, den ukrainischen Kämpfern aus Mariupol als „Kriegsverbrechern“ oder „Nazi-Verbrechern“ den Prozess zu machen. Der Vorsitzende der Duma, Wjatscheslaw Wolodin, schlug vor, den „Austausch von Nazi-Verbrechern“ auszuschließen. Der Abgeordnete Leonid Sluzkij forderte, gegen „Unmenschen“, deren Schuld an „monströsen Verbrechen“ bewiesen werde, die Todesstrafe zu verhängen. Hintergrund ist eine schon 2014 begonnene Kampagne, ukrainische Kämpfer und besonders solche des Asow-Regiments der Nationalgarde, das aus einem Freiwilligenbataillon hervorging, als Wiedergänger der Nationalsozialisten darzustellen.

          Die Menschenrechtsschützer von Amnesty International hoben hervor, die Kämpfer des Regiments seien „Objekt einer Dehumanisierung seitens staatlicher russischer Medien“ geworden und würden als „im Verlauf des ganzen Angriffskriegs als ‚Neonazis‘ dargestellt“, was mit Blick auf ihr Schicksal als Kriegsgefangene „ernste Sorgen“ hervorrufe. Amnesty hob hervor, dass man schon früher „Massenmorde an Gefangenen“ durch die Separatisten dokumentiert habe sowie außergerichtliche Tötungen ukrainischer Zivilisten durch russische Truppen.

          Dmitrij Peskow, der Sprecher von Präsident Wladimir Putin, wollte einen Vorstoß Puschilins, ein Tribunal für „Nazi-Verbrecher“ zu schaffen und andere ukrainische Soldaten vor Militärgerichte zu stellen, nicht kommentieren. Allerdings hat das russische Ermittlungskomitee mitgeteilt, man verhöre die Kämpfer vom „Asowstal“-Gelände „im Rahmen der Ermittlung von Strafverfahren zu Verbrechen des ukrainischen Regimes gegen die Zivilbevölkerung des Donbass“.

          Kiew spricht von „Evakuierungen“, Moskau vom „Ergeben“

          Entgegen der Kiewer Sprachregelung, von „Evakuierungen“ vom „Asowstal“-Gelände zu sprechen, sagte Peskow, die Soldaten, die sich dort verschanzt gehalten hätten, „legen die Waffen nieder und ergeben sich“. Russland hat bisher nicht erkennen lassen, auf ukrainische Hoffnungen nach einem Austausch der Gefangenen eingehen zu wollen. Das Moskauer Verteidigungsministerium nennt keine Zahlen zu eigenen Soldaten, die in ukrainische Gefangenschaft geraten sind.

          In Kiew hat derweil im ersten ukrainischen Prozess gegen einen russischen Soldaten wegen mutmaßlicher Kriegsverbrechen der Angeklagte Wadim Schischimarin am Mittwoch seine Schuld eingestanden. Ein Vorgesetzter habe dem 21 Jahre alten Panzersoldaten befohlen, auf der Straße einen älteren Ukrainer zu erschießen, angeblich aus der Sorge, er könne den Standort der Truppe an die Ukrainer verraten. Schischimarin feuerte eine Gewehrsalve auf den Mann ab. Später geriet er in ukrainische Gefangenschaft.

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