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Ukraine-Wahl : Erstmal eine Runde Tischtennis spielen

Könnte bald neuer ukrainischer Präsident sein – und zockt erst einmal eine Runde: Schauspieler und Politik-Neuling Wolodymyr Selenskyj. Bild: Reuters

Quizshows und Karaoke-Wettbewerbe: Auf der Wahlparty des Siegers der ersten Runde der ukrainischen Präsidentenwahl ist die Vergangenheit von Wolodymyr Selenskyj als Showman allgegenwärtig. Viele sind mit dem lockeren Ton unzufrieden.

          Wolodymyr Selenskyj trägt am Wahlabend Hemd und Krawatte. Aber er spricht noch so, wie er in den vergangenen Wochen in T-Shirt und Kapuzenpulli Wahlkampf gemacht hat. „Das muss ich jetzt machen“, sagt er, als er auf der Bühne sein Jackett anzieht. Seine Mitstreiter jubeln laut, als die Zahlen der Exit-Polls bekannt gegeben werden: 30,4 Prozent – das ist am oberen Ende dessen, was ihm in den Umfragen in den vergangenen Wochen vorhergesagt worden war.  Dann dankt Selenskyj „den Ukrainern, die nicht im Scherz abgestimmt haben“. Das ist seine Antwort auf die Aufrufe bekannter Ukrainer, die in den Tagen vor der Präsidentenwahl gemahnt hatten, „nicht im Scherz abzustimmen“ – mit anderen Worten: Nicht für den Mann zu votieren, der als Fernsehkomiker populär geworden ist.

          Reinhard Veser

          Redakteur in der Politik.

          Geschadet haben ihm diese Warnungen offensichtlich nicht. Auch jetzt scheint sich Selenskyj noch nicht als Politiker zu sehen, da er unbestreitbar als Favorit in die Stichwahl gegen Präsident Petro Poroschenko gehen wird, der auf etwa 17 Prozent der Stimmen kam: „Mir sind die Menschen das wichtigste, nicht die Politik oder Ambitionen.“ Die Frage nach möglichen Bündnissen für den zweiten Wahlgang führt zu einer kategorischen Entgegnung: „Wir haben uns mit niemandem abgesprochen. Wir sind junge Leute und wollen so etwas in der Vergangenheit belassen.“

          Leicht gereizte Antworten

          Dann geht Selenskyj wieder. Die Unzufriedenheit vieler ukrainischer Journalisten darüber, dass der Kandidat so wenig gesagt hat, bricht über die Leiter seines Wahlkampfteams herein, die sich ihnen gleich im Anschluss stellen. Die Antworten von Selenskyjs Leuten sind leicht gereizt. Bei Fragen nach politischen Inhalten wird auf das im Internet veröffentlichte Programm verwiesen. Die Frage, ob sich Selenskyj vor der Stichwahl einer Fernsehdebatte stellen werde, wird mit der Feststellung beantwortet, das habe es bei den vorigen beiden Präsidentenwahlen auch nicht gegeben; warum werde das gerade jetzt zum Thema?

          Auch über das Team, mit dem Selenskyj in das Präsidentenamt einziehen will, bringt der Abend nicht mehr Klarheit. Serhij Leschtschenko wird deshalb umlagert, als er einige Zeit vor Bekanntgabe der ersten Zahl auf der Wahlkampfparty auftaucht. Der Parlamentsabgeordnete hat als investigativer Journalist vor der Revolution 2014 korrupte Machenschaften des damaligen Präsidenten Viktor Janukowitsch aufgedeckt, war dann einer von denen, die Ende 2013 die Proteste angestoßen haben, ging für die Partei von Präsident Petro Poroschenko in die Politik – und hat sich vor wenigen Wochen endgültig von ihm losgesagt. „In welcher Funktion sind Sie hier?“, wird Leschtschenko gefragt. Antwort: „Als Gast.“ Fragen nach einer möglichen Position in Selenskyjs Mannschaft weicht er aus.

          Leschtschenko ist einer von nur drei bekannten Politikern, die bisher mit Selenskyj in Verbindung gebracht werden. Sonst gehören zu seiner engeren Umgebung ein Politikberater und die Leute, mit denen er in den vergangenen zwanzig Jahren seine Comedy-Shows produziert hat. Und sie geben auch auf der Wahlparty den Ton an. Im Eingangsbereich stehen Tischtennis und Tischkicker. Es gibt Quizshows, Comedy-Auftritte, Karaoke-Wettbewerbe und ein Tischtennisturnier, gegen dessen Sieger Selenskyj unmittelbar vor seinem Auftritt bei Bekanntgabe der Ergebnisse antritt. 

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