https://www.faz.net/-gpf-70d5h

Ukraine vor der EM : Der Gewinner steht fest

Fußballgott: Neptun in Lemberg Bild: dpa

Lemberg in der Westukraine hat vor der EM einen Bauboom erlebt. Aber die meisten Aufträge gingen ohne Ausschreibung an Firmen aus Donezk in der Ostukraine - der Heimat des Präsidenten Janukowitsch.

          Zwei Städte sind die Pole der Ukraine: im Westen die teils altösterreichisch, teils polnisch geprägte Provinzhauptstadt Lemberg (Lwiw), im Osten die Musterstadt der sowjetischen Industrialisierung, Donezk, mit ihren rußigen Fördertürmen und Hochöfen. Zwischen diesen beiden Städten, zwischen ihrer Geschichte und Mentalität, spannt sich die Ukraine.

          Konrad Schuller

          Politischer Korrespondent der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung in Berlin.

          Schon ihr Aussehen ist so unterschiedlich wie nur möglich. Lemberg, wo die deutsche Fußball-Nationalmannschaft am Samstag ihr erstes Spiel bei der Europameisterschaft 2012 austragen wird, ist ein mitteleuropäisches Schatzkästlein aus Renaissance und Jugendstil, samt Kopfsteinpflaster, Kaffeeduft und Kirchenläuten. Donezk dagegen, zwanzig Autostunden weiter östlich im Übergangsgebiet zur südrussischen Steppe gelegen, präsentiert sich als industrielle Mondlandschaft aus Abraumhalden und Plattenbaublocks. Lemberg spricht Ukrainisch, Donezk Russisch. Lemberg ist über Generationen von Wien und Warschau aus regiert worden, Donezk blickte immer nach Moskau. Lemberg ist stolz auf seine Tradition des antisowjetischen Widerstands und hat dem Untergrund-Befehlshaber Stepan Bandera ein monumentales Denkmal errichtet, während in Donezks Mitte wie eh und je Wladimir Iljitsch Lenin prangt.

          Scheinbare Parität

          Auch der politische Gegensatz, der die Ukraine heute spaltet, lässt sich an Lemberg und Donezk ablesen. Donezk im Osten ist die Hochburg der ukrainischen Oligarchen, jener mächtigen postsowjetischen Konzernbarone, welche die blutigen Bandenkriege der neunziger Jahre überlebt haben und unter der informellen Führung des Milliardärs Rinat Achmetow den ukrainischen Präsidenten Viktor Janukowitsch in seine Position gehoben haben. Heute ist der „Donezker Clan“ dabei, durch Schauprozesse und Strafurteile die europäisch gesinnte Opposition auszuschalten. Lemberg dagegen war schon in der „Revolution in Orange“, welche Präsident Janukowitsch im Jahr 2004 nach einer besonders krass gefälschten Wahl vorübergehend vertrieb, eine Hochburg der ukrainischen Demokratiebewegung. Westlich orientierte Politiker wie die heute inhaftierte Ministerpräsidentin Julija Timoschenko haben hier ihre Wähler, und wenn irgendwo im Land gegen das Regime demonstriert wird, sind die Busse aus Lemberg nie weit.

          Mitteleuropäisches Schatzkästlein: Blick auf die Altstadt von Lemberg

          Seit aber Janukowitsch 2010 wiedergekehrt ist und die Führung der Opposition ins Gefängnis gebracht hat, ist Lemberg und mit ihm der mitteleuropäisch geprägte Westen der Ukraine ins Hintertreffen geraten. Besonders klar wird das bei den Vorbereitungen zur Europameisterschaft mit ihren beiden Gastgeberländern Ukraine und Polen. Zwar gehören (neben Kiew und Charkiw) sowohl Lemberg als auch Donezk zu den vier ukrainischen Spielorten, aber wer dieser Tage in Lemberg landet, kann sofort feststellen, dass diese Parität nur scheinbar ist.

          Auf den Kipplastern und Baggern der Baustellen drängt sich immer wieder der Schriftzug „Altkom“ ins Bild - der Name eines geheimnisvollen Firmenkonglomerats, das bei der Vorbereitung zur Europameisterschaft wie kein anderes mit Aufträgen bedient worden ist und einen gewaltigen Teil der 10,2 Milliarden Euro auf seine Konten leiten konnte, welche in der Ukraine nach einer Rechnung der Raiffeisenbank für das Turnier ausgegeben worden sind. Natürlich ist Altkom dort beheimatet, wo Präsident Janukowitsch und sein Clan ihre Wurzeln haben: im Gebiet Donezk. In Lemberg haben Unternehmen dieser Gruppe große Anteile am Bau des neuen Stadions, an der Erneuerung des Flughafens und im Straßenbau gewonnen.

          „Umfangreiche Gelegenheiten für Korruption und Betrug“

          Die Erfolgsgeschichte der Donezker Region nach Vergabe der Europameisterschaft begann am 8. Juli 2010, kurz nach der Wiederkehr Janukowitschs. An diesem Tag beschloss das vom Präsidenten dominierte Parlament in Kiew, für die EM die bis dahin gültige Verpflichtung zu transparenten Ausschreibungen aufzuheben. Großaufträge für Stadien, Flughäfen, Straßen können seither vom stellvertretenden Ministerpräsidenten Boris Kolesnikow (einem Liebhaber von Autos der Marke Bentley und Vertrauten des Donezker Oligarchenfürsten Achmetow) freihändig vergeben werden.

          Weitere Themen

          Trump droht Iran

          Bei Twitter : Trump droht Iran

          „Wenn der Iran kämpfen will, wird dies das offizielle Ende des Iran sein“, twitterte Trump am Sonntag. Nur wenige Stunden vor dem Tweet war im Regierungs- und Diplomatenviertel der irakischen Hauptstadt Bagdad eine Rakete eingeschlagen.

          Zehntausende demonstrieren für Europa Video-Seite öffnen

          Gegen Nationalismus : Zehntausende demonstrieren für Europa

          Sie sind für Europa und gegen Nationalismus – das zeigten zehntausende in vielen Städten Deutschlands. Auch das Scheitern der rechtspopulistischen Koalition in Österreich war auf den Demonstrationen ein Thema.

          Topmeldungen

          Bei Twitter : Trump droht Iran

          „Wenn der Iran kämpfen will, wird dies das offizielle Ende des Iran sein“, twitterte Trump am Sonntag. Nur wenige Stunden vor dem Tweet war im Regierungs- und Diplomatenviertel der irakischen Hauptstadt Bagdad eine Rakete eingeschlagen.

          Kurz’ Zögern : Gefangen in der Ibiza-Falle

          Lange wartete Österreichs Kanzler, bis er sich zum Video von FPÖ-Chef Strache äußerte. Dabei war ihm schnell klar, dass sein Vize nicht zu halten ist. Dessen Parteifreund Gudenus soll derweil weiter Kontakt zu der vermeintlichen Oligarchennichte gehalten haben.

          Newsletter

          Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Abonnieren Sie unsere FAZ.NET-Newsletter und wir liefern die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
          Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.