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Ukraine-Wahl : Die Abkehr der Unzufriedenen

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Kiew vor der Wahl: Figuren der ukrainischen Präsidentschaftskandidaten und Wladimir Putins, eine Frau ballt davor ihre Faust. Bild: dpa

Die Ukrainer wählen einen neuen Präsidenten. Amtsinhaber Poroschenko muss um seine Wiederwahl bangen. Denn trotz einiger Erfolge haben viele das Vertrauen in ihn verloren. Ein Ortsbesuch in Petrykiwka.

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          Über Petrykiwka wacht der Präsident. Ein riesiges Wahlplakat von Petro Poroschenko begrüßt jeden, der die Siedlung etwa 50 Kilometer nordwestlich der ukrainischen Millionenstadt Dnipro besucht. Darauf verkünden weiße Lettern auf violettem Grund: „Viele Kandidaten – ein Präsident“. Es ist das einzige Anzeichen von Wahlkampf in dem kleinen, verschlafenen Städtchen, in dem rund 4900 Menschen leben.

          Am Sonntag wählt die Ukraine einen neuen Präsidenten, doch in Petrykiwka ist von Wahlkampf nichts zu spüren. Wilde Hunde streifen durch die Straßen, in der Ferne kräht ein Hahn, ab und an fährt jemand in einem alten, verrosteten Lada vorbei. Hinter den schiefen grünlackierten Holzzäunen und grauen Mäuerchen buddeln alte Frauen in Gemüsebeeten und verbrennen Männer gesammeltes Laub. Ein beißender Rauchgeruch hängt über dem gesamten Ort.

          Poroschenko wird bangen müssen

          Der amtierende Präsident Petro Poroschenko muss laut aktuellen Umfragen um den Einzug in die Stichwahl und damit um seine Wiederwahl bangen. Mit knapp zwölf Prozent der Stimmen liegt er derzeit auf Platz drei, knapp hinter der ehemaligen Ministerpräsidentin Julia Timoschenko und dem Komiker Wolodymyr Selenskyj.

          Dabei gibt es durchaus Gründe, die für Poroschenko sprechen. Er hat einiges erreicht, seitdem er 2014 nach den monatelangen, teilweise gewalttätigen Protesten auf dem Majdan Präsident wurde. Ihm gelang es, die Wirtschaft zu stabilisieren, die nach dem Majdan zusammengebrochen war. Er unterzeichnete, wie versprochen, das Assoziierungsabkommen mit der Europäischen Union, erreichte die Visafreiheit für seine Landsleute und brachte Reformen auf den Weg.

          Auch in Petrykiwka hat eine der erfolgreichsten Reformen der ukrainischen Regierung ihre Spuren hinterlassen. Die Dezentralisierung der staatlichen Verwaltung, die bereits Jahre vor Poroschenkos Amtsantritt in der ukrainischen Politik diskutiert, jedoch nie auf den Weg gebracht worden ist, stärkt vor allem schwächere Regionen.

          In Petrykiwka wurde die 100 Jahre alte Schule kernsaniert. Aus einem grauen Gebäudeblock wurde innerhalb weniger Monate eine moderne Schule mit Inklusionszentrum. Zur Neueröffnung im Oktober 2018 reiste sogar die Präsidentengattin Maryna Poroschenko in den kleinen Ort und ließ sich mit einem kleinen Mädchen im Rollstuhl fotografieren. In der Region um Petrykiwka wurden Krankenhäuser saniert und Kindergärten und Straßen gebaut.

          Olga Droshenko im Dorf Petrykiwka, aufgenommen im März 2019.

          „Die Veränderungen sind schon spürbar“, sagt Olga Droshenko. Wählen wird sie Poroschenko trotzdem nicht. Die 57 Jahre alte Näherin sitzt in einem kleinen Raum im Kindergarten der Siedlung, der bis unter die Decke mit bunten Stoffen und Trachten in Kindergrößen vollgestopft ist. Durch das kleine Fenster fällt ein wenig Licht auf ihren Arbeitstisch. Der Kindergarten liegt direkt neben der Schule und wurde ebenfalls im Sommer renoviert und mit neuen Möbeln ausgestattet. Nur die für Olgas Droshenkos kleines Reich fehlen noch und so türmt sich der Stoff rechts und links neben ihr auf. „Kreatives Chaos“, nennt sie das, richtet ihre schwarze Baskenmütze und versucht, sich etwas Platz zu verschaffen.

          Vor fünf Jahren war Olga Droshenko voller Hoffnung und wählte Poroschenko. „Ich habe wirklich an ihn geglaubt“, sagt sie heute. „Aber ich will gar nicht mehr drüber nachdenken, was die da in Kiew veranstalten.“ Damals, vor fünf Jahren, wurde Poroschenko mit 54 Prozent der Stimmen zum jüngsten Präsidenten der Ukraine gewählt und übernahm ein Land im Chaos. Der Krieg in der Ostukraine hatte gerade begonnen, die ukrainische Armee war praktisch nicht einsatzfähig und Poroschenko weckte beim Volk hohe Erwartungen. Er versprach, die Korruption zu bekämpfen, das Land zu einen und den Krieg zu beenden.

          Ein Fernsehstar will Präsident werden

          Olga Droshenko feierte im ersten Kriegsjahr weder den 9. Mai, den Tag des Sieges über Nazideutschland, noch das neue Jahr. Doch da der Krieg mittlerweile zur ukrainischen Realität gehört, werden auch Feierlichkeiten nicht mehr ausgesetzt. „Der Mensch gewöhnt sich leichter an die guten Dinge, aber wir haben uns an den Krieg gewöhnt. Das ist doch nicht normal“, sagt sie. Am Sonntag wird Olga Droshenko daher nach Dnipro fahren, wo sie für die Wahl registriert ist, und für Wolodymyr Selenskyj stimmen.

          Der 41 Jahre alte Komiker verbessert das Leben der einfachen Ukrainer bereits – in der beliebten Fernsehserie „Diener des Volkes“. In der spielt er seit zwei Staffeln einen Geschichtslehrer, der überraschend zum Präsidenten gewählt wird. Die dritte Staffel ist gerade angelaufen. Seinen Sympathisanten gefällt vor allem, dass er nicht zur alten politischen Kaste gehört. „Ich kenne ihn natürlich nur aus dem Fernsehen. Aber vielleicht kann ein neues Gesicht in der Politik wirklich etwas verändern“, sagt Droshenko.

          Unterstützer Poroschenkos kritisieren den Schauspieler derweil harsch und versuchen, sich über ihn lustig zu machen. So bezeichnete die stellvertretende Vorsitzende des ukrainischen Parlaments, Iryna Heraschtschenko, Selenskyi jüngst auf ihrer Facebookseite als „unprofessionell, inkompetent und infantil“ und warf ihm vor, aus der Ukraine „Kleinrussland“ machen zu wollen.

          Petro Poroschenko, der vor fünf Jahren in seiner Antrittsrede noch versprochen hatte, die Ukrainer nicht in richtige und falsche Ukrainer einzuteilen, hat sich in den vergangenen Jahren zum Nationalisten gewandelt. Heute tourt er mit dem Slogan „Armee, Sprache, Glaube“ durch das Land. Die historische Unabhängigkeit der orthodoxen Kirche der Ukraine im Januar wurde von vielen Beobachtern als kluger Schritt in Richtung Wahlkampf betrachtet. Mittlerweile zeigt sich jedoch, dass die Wechsel in die neue Kirche schleppend verlaufen und der Tomos, eine Art Bulle Konstantinopels über die Eigenständigkeit der neuen Kirche, nicht zur Beliebtheit Poroschenkos beiträgt. 

          „Niemand hier wird für Poroschenko stimmen“

          Die graue Kirche in Radykiwka gehört nach wie vor zum Moskauer Patriarchat. „Das ist eine Sekte und wir werden die nie anerkennen“, sagt eine alte Frau mit buntem Kopftuch, die vor dem Gebäude Äste und Stöcke zu Feuerholz zerkleinert, mit Blick auf die neue Kirchenstruktur. Sie sagt das ganz ruhig und ohne Wut, aber todernst. Ihren Namen möchte sie lieber nicht nennen.

          „Die versuchen, uns zu spalten und machen Politik mit Religion, dabei wollen sie sich doch nur die eigenen Taschen vollmachen.“ Wen sie am Sonntag wählen wird,  weiß sie noch nicht. „Jedenfalls nicht Poroschenko. Niemand hier wird für Poroschenko stimmen.“

          Priester Nykolaj Wowtschenko ist ein sanfter Mann, der etwas Beruhigendes ausstrahlt. Er redet lieber über die Ikonen in seiner Kirche als über Politik. „Ich habe nicht das Recht zu agitieren und öffentlich zu sagen, wen die Menschen wählen sollen“, sagt der 73 Jahre alte Geistliche. Seine Kirche sei keine politische Partei, sondern eine von Gott gegründete Einrichtung. Seit 29 Jahren ist er Priester in Petrykiwka und besonders stolz darauf, dass seine Kirche selbst zu Sowjetzeiten nicht geschlossen wurde.

          Pfarrer Nykolaj Wowtschenko Radykiwka, aufgenommen im März 2019.

          Der Wissenschaftler Nikolay Mitrokhin von der Forschungsstelle Osteuropa an der Universität Bremen schrieb in einem jüngst veröffentlichten Aufsatz, vom ukrainischen Staat gehe derzeit eine Unterdrückung der Kirchen des Moskauer Patriarchats aus und der ukrainischen Geheimdienst SBU übe gezielt Druck auf Kritiker der Zugehörigkeitswechsel aus.

          Wowtschenko winkt ab und lächelt sanft. „Man lädt uns freundlich ein, in die neue Struktur überzutreten.“ Druck gebe es derzeit keinen. Und dann lässt er seiner Wut doch kurz freien Lauf: „Diese – Entschuldigung – verkleideten Typen, das sind doch keine Geistlichen. Wir werden niemals in diese Struktur überlaufen!“ Dann lädt er ein zu einem kurzen Rundgang durch seine Kirche. Er möchte ein paar Ikonen zeigen.

          In einem Nebengebäude stehen u-förmig Tische zusammengestellt. Hier kommt die Gemeinde regelmäßig zum gemeinsamen Essen zusammen. Wowtschenko setzt sich und glättet sein schwarzes Gewand. „Nun“, sagt er und malt mit dem Zeigefinger Kreise auf den Tisch. „Es hat sich einiges verändert, seitdem diese Regierung an der Macht ist. Zum Schlechteren.“ Zwei Drittel der Bevölkerung seien abgewandert. Überprüfen lassen sich diese Angaben nicht. Allerdings sind in den vergangenen Jahren die Abwanderungszahlen aus der Ukraine nach Russland und in die EU gestiegen. Laut einer Studie aus dem Jahr 2017 sind 52 Prozent der Ukrainer zwischen 18 und 26 Jahren daran interessiert, das Land zu verlassen.

          Auch Olga Droshenkos Söhne arbeiten immer mal wieder für einige Monate in Polen. Sie selbst war noch nie im Ausland. Um Geld zu sparen, zog sie vor acht Jahren mit ihrem Ehemann nach Petrykiwka in die alte Datscha der Familie und überließ die kleine Wohnung in Dnipro einem ihrer Söhne.

          Vor rund fünf Jahren sind in der Siedlungen Gasleitungen gebaut worden, die sich heute wie eine gelbe Schlange durch die staubigen Straßen winden. „Ich habe mich damals so gefreut“, erinnert sie sich. Doch die Freude ist nur von kurzer Dauer. Die Familie kann es sich nicht leisten, denn die Preise für Wasser, Strom und Gas sind seit dem Jahr 2015 explodiert.  

          Olga Droshenko und ihr Mann haben in jedem Zimmer der alten Datscha dicke Teppiche ausgelegt. Trotzdem ist es im Winter bitterkalt. Droshenko schiebt ihr blaues Fahrrad über die staubige, unebene Straße zu ihrem Haus. „Dieser Winter war besonders schlimm. Wir hatten so viel Schnee, die Straße wird nur bis da vorne geräumt.“ Sie dreht sich um und deutet in Richtung Zentrum. „Und ab hier kann man dann gucken, wie man weiterkommt.“ Die Familie besitzt einen kleinen Heizlüfter. Den trügen sie von Zimmer zu Zimmer, sagt Droshenko. Je nachdem, wo sie sich gerade aufhielten. Das muss reichen.

          „Es ist schon besser geworden. Die Gebäude sind heute bunter und schöner“, sagt Olga Droshenko. „Aber wenn wenigstens die Löhne höher wären.“ Sie seufzt. „Wir haben noch einen sehr weiten Weg vor uns.“

          Kaum mehr Vertrauen für den Präsidenten

          Das Vertrauen in Poroschenko hat sie verloren, wie so viele ihrer Landsleute. Laut einer aktuellen Umfrage vertrauen 69 Prozent der Ukrainer ihrem Präsidenten nicht. Und daran ist er wohl auch selbst schuld. Nicht nur sein nationalistischer, autoritärer Kurs dürfte Wähler abschrecken, auf viele wirkt er auch arrogant – und heuchlerisch. Er brachte die Unabhängigkeit der orthodoxen Kirche der Ukraine mit auf den Weg, betete jedoch selbst jahrelang in den Kirchen des Moskauer Patriarchats.

          Er reklamierte die Stärkung der ukrainischen Armee für sich und versprach, die grassierende Korruption im Land zu bekämpfen. Doch kurz vor der Wahl erschüttert eine investigative Recherche ukrainischer Journalisten seine Kampagne.

          Im Zentrum des Korruptionsskandals steht ein Verbündeter Poroschenkos, der stellvertretende Sekretär des Nationalen Sicherheitsrates der Ukraine, Oleh Hladkowskyj. Dieser soll zusammen mit seinem Sohn ein korruptes System geschützt haben, das es einer Gruppe Unternehmer ermöglicht haben soll, Teile für Militärtechnik aus Russland ins Land zu schmuggeln und sie anschließend viel teurer an ukrainische Waffenfabriken zu verkaufen. Poroschenko entließ Hladkowskj Anfang März, doch der Skandal untergräbt seine Glaubwürdigkeit.

          Wenn Olga Droshenko am Sonntag nach Dnipro fährt, um einen neuen Präsidenten zu wählen, gibt ihr Poroschenko noch etwas mit auf dem Weg: „Dumaj – denk nach“ steht fett gedruckt auf einem riesigen Wahlplakat seiner Kampagne am Ortsausgang des Ortes. Für viele dürfte es sich wie eine Aufforderung anfühlen, ihren Präsidenten abzuwählen.

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