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Ukraine-Wahl : Die Abkehr der Unzufriedenen

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Wowtschenko winkt ab und lächelt sanft. „Man lädt uns freundlich ein, in die neue Struktur überzutreten.“ Druck gebe es derzeit keinen. Und dann lässt er seiner Wut doch kurz freien Lauf: „Diese – Entschuldigung – verkleideten Typen, das sind doch keine Geistlichen. Wir werden niemals in diese Struktur überlaufen!“ Dann lädt er ein zu einem kurzen Rundgang durch seine Kirche. Er möchte ein paar Ikonen zeigen.

In einem Nebengebäude stehen u-förmig Tische zusammengestellt. Hier kommt die Gemeinde regelmäßig zum gemeinsamen Essen zusammen. Wowtschenko setzt sich und glättet sein schwarzes Gewand. „Nun“, sagt er und malt mit dem Zeigefinger Kreise auf den Tisch. „Es hat sich einiges verändert, seitdem diese Regierung an der Macht ist. Zum Schlechteren.“ Zwei Drittel der Bevölkerung seien abgewandert. Überprüfen lassen sich diese Angaben nicht. Allerdings sind in den vergangenen Jahren die Abwanderungszahlen aus der Ukraine nach Russland und in die EU gestiegen. Laut einer Studie aus dem Jahr 2017 sind 52 Prozent der Ukrainer zwischen 18 und 26 Jahren daran interessiert, das Land zu verlassen.

Auch Olga Droshenkos Söhne arbeiten immer mal wieder für einige Monate in Polen. Sie selbst war noch nie im Ausland. Um Geld zu sparen, zog sie vor acht Jahren mit ihrem Ehemann nach Petrykiwka in die alte Datscha der Familie und überließ die kleine Wohnung in Dnipro einem ihrer Söhne.

Vor rund fünf Jahren sind in der Siedlungen Gasleitungen gebaut worden, die sich heute wie eine gelbe Schlange durch die staubigen Straßen winden. „Ich habe mich damals so gefreut“, erinnert sie sich. Doch die Freude ist nur von kurzer Dauer. Die Familie kann es sich nicht leisten, denn die Preise für Wasser, Strom und Gas sind seit dem Jahr 2015 explodiert.  

Olga Droshenko und ihr Mann haben in jedem Zimmer der alten Datscha dicke Teppiche ausgelegt. Trotzdem ist es im Winter bitterkalt. Droshenko schiebt ihr blaues Fahrrad über die staubige, unebene Straße zu ihrem Haus. „Dieser Winter war besonders schlimm. Wir hatten so viel Schnee, die Straße wird nur bis da vorne geräumt.“ Sie dreht sich um und deutet in Richtung Zentrum. „Und ab hier kann man dann gucken, wie man weiterkommt.“ Die Familie besitzt einen kleinen Heizlüfter. Den trügen sie von Zimmer zu Zimmer, sagt Droshenko. Je nachdem, wo sie sich gerade aufhielten. Das muss reichen.

„Es ist schon besser geworden. Die Gebäude sind heute bunter und schöner“, sagt Olga Droshenko. „Aber wenn wenigstens die Löhne höher wären.“ Sie seufzt. „Wir haben noch einen sehr weiten Weg vor uns.“

Kaum mehr Vertrauen für den Präsidenten

Das Vertrauen in Poroschenko hat sie verloren, wie so viele ihrer Landsleute. Laut einer aktuellen Umfrage vertrauen 69 Prozent der Ukrainer ihrem Präsidenten nicht. Und daran ist er wohl auch selbst schuld. Nicht nur sein nationalistischer, autoritärer Kurs dürfte Wähler abschrecken, auf viele wirkt er auch arrogant – und heuchlerisch. Er brachte die Unabhängigkeit der orthodoxen Kirche der Ukraine mit auf den Weg, betete jedoch selbst jahrelang in den Kirchen des Moskauer Patriarchats.

Er reklamierte die Stärkung der ukrainischen Armee für sich und versprach, die grassierende Korruption im Land zu bekämpfen. Doch kurz vor der Wahl erschüttert eine investigative Recherche ukrainischer Journalisten seine Kampagne.

Im Zentrum des Korruptionsskandals steht ein Verbündeter Poroschenkos, der stellvertretende Sekretär des Nationalen Sicherheitsrates der Ukraine, Oleh Hladkowskyj. Dieser soll zusammen mit seinem Sohn ein korruptes System geschützt haben, das es einer Gruppe Unternehmer ermöglicht haben soll, Teile für Militärtechnik aus Russland ins Land zu schmuggeln und sie anschließend viel teurer an ukrainische Waffenfabriken zu verkaufen. Poroschenko entließ Hladkowskj Anfang März, doch der Skandal untergräbt seine Glaubwürdigkeit.

Wenn Olga Droshenko am Sonntag nach Dnipro fährt, um einen neuen Präsidenten zu wählen, gibt ihr Poroschenko noch etwas mit auf dem Weg: „Dumaj – denk nach“ steht fett gedruckt auf einem riesigen Wahlplakat seiner Kampagne am Ortsausgang des Ortes. Für viele dürfte es sich wie eine Aufforderung anfühlen, ihren Präsidenten abzuwählen.

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