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Ukraine : Nun auch noch eine Mordanklage?

Im Visier: Julija Timoschenko Ende voriger Woche in ihrer Gefängniszelle Bild: REUTERS

Von Seiten der ukrainischen Generalstaatsanwaltschaft werden weitere Vorwürfe gegen Julija Timoschenko erhoben - auch wegen einer 15 Jahre alten Bluttat.

          5 Min.

          Am 3. November 1996 steuerte auf dem Flughafen von Donezk im Osten der Ukraine ein Polizeiwagen auf ein Privatflugzeug zu, dessen Passagiere gerade ausstiegen. Männer in Uniformen eröffneten aus Sturmgewehren das Feuer, die Reisenden brachen zusammen, tödlich getroffen. Dann fuhren die Täter gemächlich davon.

          Konrad Schuller

          Politischer Korrespondent der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung in Berlin.

          Der Abgeordnete, Geschäftsmann und Donezker Lokalpotentat Jewhen Schtscherban, der zusammen mit seiner Frau und zwei Besatzungsmitgliedern an diesem Tag ums Leben kam, war gerade von einem Fest zurückgekehrt, das der Sänger Iosif Kobson (der „russische Frank Sinatra“) in einem Moskauer Luxushotel gegeben hatte. Sein Tod war der Höhepunkt der blutigen Bandenkriege, mit denen die „kriminellen Autoritäten“ und roten Direktoren der Stahl- und Kohlemetropole Donezk nach der Wende eine neue Eigentumsordnung ausfochten. Er ist bis heute nicht aufgeklärt. 2003 sind zwar einige Männer als unmittelbare Täter verurteilt worden, doch wer den Auftrag gab, blieb im Dunkeln.

          Schtscherban hatte viele Todfeinde, und einige von ihnen waren zuvor selbst zum Ziel von Attentaten geworden. Der damalige Ministerpräsident Pawlo Lasarenko - heute wegen Geldwäsche Insasse eines kalifornischen Gefängnisses, damals Repräsentant des „Dnipropetrowsker Klans“ der mit den „Donezkern“ um die Herrschaft auf dem Gasmarkt rang - war gerade einem Bombenanschlag entkommen. In Donezk selbst war ein Rivale Schtscherbans, der Unterweltkönig Achat Bragin („Alik der Grieche“), auf der VIP-Tribüne des Fußballvereins „Schachtjar“ samt Leibwächtern, in die Luft gesprengt worden.

          Viele hatten Grund, Schtscherban zu hassen, und ebenso vielen haben Wissende und Halbwissende seither den Mord auf dem Rollfeld angelastet. Die jüngste Theorie hat jetzt Renat Kusmin präsentiert, der stellvertretende Generalstaatsanwalt der Ukraine und Gefolgsmann des Präsidenten Viktor Janukowitsch. Alles, so behauptete Kusmin Ende Oktober, deute darauf hin, dass die Mörder von niemand anderem bezahlt worden seien als von der wichtigsten Gegnerin des Präsidenten: von Julija Timoschenko.

          Zuletzt ein Verfahren wegen Steuerhinterziehung

          Timoschenko ist Janukowitschs Feindin, seit sie ihn während der demokratischen „Revolution in Orange“ von 2004 vorübergehend von der Macht vertrieb. Danach hat sie mehrere Jahre die ukrainische Regierung geführt. Nach Janukowitschs Rückkehr im Jahr 2010 hat die Staatsanwaltschaft sie dann mit zahllosen Verfahren überzogen. Trotz heftiger Proteste westlicher Regierungen gegen solchen „politischen Missbrauch“ der Justiz wurde sie am 11.Oktober wegen vorgeblichen Amtsmissbrauchs zu sieben Jahren Gefängnis verurteilt. Kaum aber war das Urteil gegen Timoschenko gefallen, legte das Regime nach. Neue Verfahren wurden eröffnet, meist wegen mutmaßlicher Wirtschaftsvergehen in den neunziger Jahren, als Timoschenko als glamouröse Geschäftsfrau und „Gasprinzessin“ die mächtigen „Vereinigten Energiesysteme der Ukraine“ leitete. Zuletzt hat die Generalstaatsanwaltschaft am Freitag ein Verfahren wegen Steuerhinterziehung eröffnet.

          Kusmins Mord-Unterstellung ist nun der vorläufige Scheitelpunkt dieser Welle. Ihre vorgebliche Logik ist einfach: Timoschenko ist - was niemand bestreitet - in den neunziger Jahren dem später in den Vereinigten Staaten verurteilten Ministerpräsidenten Lasarenko eng verbunden gewesen. Deshalb, so die Folgerung, müsse sie auch am Tod des Lasarenko-Konkurrenten Schtscherban mit Schuld tragen. Die entscheidenden Indizien behauptet die Staatsanwaltschaft in den Zeugenaussagen aus Lasarenkos amerikanischem Geldwäscheprozess (das Urteil fiel 2006) gefunden zu haben. Ein Zeuge in diesem Prozess, so hat Staatsanwalt Kusmin kürzlich behauptet, habe amerikanischen Ermittlern gesagt, das Blutgeld für den Mord auf dem Flughafen Donezk sei von Lasarenko und Timoschenko gekommen. Der Zeuge habe vom Auftraggeber des Mordes die Worte gehört: „Julija wird bezahlen.“

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