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Ukraine : Morde und Spekulationen

Unter den Mordopfern war der prorussische Journalist Oles Busina. Das Bild zeigt die Sicherung des Tatorts in Kiew am vergangenen Donnerstag. Bild: AFP

Zwei Morde an prominenten Regierungskritikern in Kiew beschäftigen die Ukraine. Stecken Nationalisten dahinter oder russische Geheimdienste?

          Die schnellste Antwort hatten die Staatsoberhäupter. Als am Donnerstag bekannt wurde, dass zwei prominente Gegner des neuen prowestlichen Kurses der ukrainischen Regierung auf offener Straße in Kiew erschossen worden sind, war der russische Präsident Wladimir Putin einer der Ersten, der wusste, was die Stunde geschlagen hatte: Ganz klar, hier sei ein „politischer Mord“ geschehen, sagte er und fügte gleich noch hinzu, dies sei ja „nicht der erste“ solche Todesfall. Die Botschaft zwischen den Zeilen, ausgesendet von einem Präsidenten, der nach der Ermordung des russischen Oppositionspolitikers Boris Nemzow selbst in Erklärungsnöten steckt: Auch in der Ukraine, die seit dem Sturz des von Russland gesteuerten Präsidenten Viktor Janukowitsch im Februar 2014 gen Westen strebt, würden Regimegegner systematisch liquidiert.

          Konrad Schuller

          Politischer Korrespondent der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung in Berlin.

          Die Antwort aus der Kiewer Bankowa-Straße, wo sich das ukrainische Präsidialamt befindet, kam postwendend - und auch hier schien es, als besäßen Staatsoberhäupter geheime Erkenntnisquellen, die ihnen erlauben, schneller zu urteilen als etwa die zuständigen Ermittler. Noch am Donnerstag ließ Präsident Petro Poroschenko mitteilen, die Morde am prorussischen Journalisten Oles Busina und am früheren Abgeordneten Oleh Kalaschnikow seien eine „bewusste Provokation, die Wasser auf die Mühlen unserer Feinde gießt“. Das Ziel sei die „Diskreditierung“ der prowestlichen „Wahl des ukrainischen Volkes“.

          Viele Todesfälle beschäftigen die Öffentlichkeit

          Die beiden Versionen - serielle Ausschaltung der Freunde Russlands in der Ukraine versus Kommandoaktion russischer Geheimdienste zur Diskreditierung der ukrainischen Westintegration - sind in den elektronischen Medien der Ukraine am Donnerstag und Freitag in zahllosen Varianten durchdekliniert worden. Die Öffentlichkeit war darauf in gewisser Weise vorbereitet, denn das Thema ist nicht neu. Seit Monaten beschäftigen Todesfälle von Repräsentanten des gestürzten Regimes Janukowitsch die Öffentlichkeit - etwa ein halbes Dutzend gewesener hoher regionaler Beamter oder Führungsfiguren staatseigener Unternehmen ist seit Beginn dieses Jahres gewaltsam ums Leben gekommen. In den meisten Fällen konstatierten die Behörden Selbstmord.

          All diese Fälle waren zwar bekannt, haben aber bislang nicht die Aufmerksamkeit gleich zweier Staatspräsidenten erlangt. Das Gesamtbild war uneinheitlich, und dass Vertreter eines gestürzten kleptokratischen Regimes in Lebenskrisen geraten können, wenn sie, wie etwa der frühere Bürgermeister der Stadt Melitopol Serhij Walter, nach dem Umschwung vor Gericht kommen, ließ Selbstmorde nicht völlig unplausibel erscheinen.

          Der Tod Oles Businas und Oleh Kalaschnikows aber hat eine andere Qualität. Die beiden haben sich eindeutig nicht selbst umgebracht. Sie sind ermordet worden, und beide waren sichtbare Gegner der heutigen ukrainischen Führung. Kalaschnikow, ein früherer Abgeordneter in Janukowitschs „Partei der Regionen“, war vor dessen Sturz der Hauptorganisator der vom Regime inszenierten Störaufmärsche gegen die Demonstrationen der damaligen proeuropäischen Opposition. Seine auf Tonband aufgenommenen Hetzparolen gegen die damals inhaftierte Oppositionsführerin Julija Timoschenko machten seine Stimme, über Megafon durch die Straßen Kiews trompetet, zu einem Erkennungszeichen des alten Systems.

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