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Kämpfe in der Ukraine : Was Sie jetzt wissen müssen

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Charkiw in der Ukraine: Menschen gehen an schwelenden, zerstörten russischen Militärfahrzeugen am Stadtrand vorbei. Bild: dpa

Russische Einheiten sind in die Hauptstadt Kiew vorgedrungen, Putin hat zum Putsch aufgerufen. Wie reagiert der Westen? Und wie die Ukraine? Ein Überblick.

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          Die Invasion

          Nach Russlands Einmarsch in die Ukraine sind nach Angaben des ukrainischen Verteidigungsministeriums die ersten russische Einheiten in die Hauptstadt Kiew vorgedrungen. Auch Bomben schlugen in der Hauptstadt ein. Das Ministerium rief die Bevölkerung auf, sogenannte Molotow-Cocktails zum Kampf vorzubereiten und den nächstgelegenen Schutzraum aufzusuchen. Russlands Militär gab an, man habe die Kontrolle über den Flughafen Hostomel nahe Kiew übernommen und „mehr als 200 Nationalisten“ getötet, ohne eigene Verluste zu verzeichnen. Das war zunächst nicht zu überprüfen. Nach schweren Kämpfen haben russische Truppen zudem den Fluss Dnipro in der Südukraine überschritten. Damit hätten sie nun Zugang zur strategisch wichtigen Stadt Cherson, teilte die Gebietsverwaltung am Freitagabend mit.

          Nach britischen Angaben wurden seit Beginn der Invasion rund 450 russische Soldaten und 194 Ukrainer getötet, einschließlich 57 Zivilisten – darunter offenbar auch Kinder. Nach Schätzung der Vereinten Nationen sind inzwischen bereits 100.000 Menschen auf der Flucht.

          Russland hatte am Donnerstagmorgen mit einem großen Angriff auf die Ukraine begonnen. In mehreren Städten schlugen Raketen und Artilleriegranaten ein. Russische Bodentruppen waren anschließend binnen weniger Stunden bis in den Großraum Kiew vorgedrungen.

          Nach eigenen Angaben haben die ukrainischen Behörden die Kontrolle über Teile im Süden des Landes verloren. Russland hat auch die Kontrolle über Tschernobyl übernommen.

          Stimmen aus der Ukraine

          Der ukrainische Präsident Wolodymyr Selenskyj verkündete in der Nacht zu Freitag die Generalmobilmachung aller Reservisten und Wehrdienstpflichtigen. Wegen der „militärischen Aggression“ Russlands würden Reservisten und Wehrpflichtige aus dem ganzen Land binnen 90 Tagen zu den Waffen gerufen, hieß es in dem Dekret.

          In einer Videoansprache am Freitagmorgen sagte Selenskyj, Russland müsse „früher oder später“ mit der Ukraine „sprechen“, um die Kämpfe zu beenden. „Je früher dieses Gespräch beginnt, desto geringer werden die Verluste für Russland selbst sein“, fügte er hinzu. Selenskyj rief zudem die russische Bevölkerung zum Protest gegen den Angriff auf die Ukraine auf.

          Der ukrainische Präsident Wolodymyr Selenskyj am Donnerstag in einer Live-Fernsehsendung zur Nation.
          Der ukrainische Präsident Wolodymyr Selenskyj am Donnerstag in einer Live-Fernsehsendung zur Nation. : Bild: Uncredited/Ukrainian Presidential Press Office via AP/dpa

          Der Berater von Präsident Wolodymyr Selenskyj zeigt sich für Gespräche offen. „Wir wollen Frieden“, sagt Mychailo Podoljak der Nachrichtenagentur Reuters. Wenn Gespräche noch möglich seien, sollten diese geführt werden. „Wir haben keine Angst, über Neutralität zu sprechen“, sagte Selenskyj in der Nacht zu Freitag.

          Die russische Position

          Präsident Wladimir Putin hat die ukrainischen Soldaten aufgerufen, „die Macht in eure Hände zu nehmen“. In einer Schaltkonferenz mit seinem Nationalen Sicherheitsrat sagte Putin an die Adresse der ukrainischen Soldaten: „Mit euch wird es leichter sein, sich zu verständigen, als mit dieser Meute Drogenabhängiger und Neo­nazis, die sich in Kiew eingenistet und das ganze ukrainische Volk als Geisel genommen hat.“

          Bis zu diesem Putschaufruf stellte Kremlsprecher Dmitri Peskow das Angebot von Verhandlungen über einen neutralen Status der Ukraine als Schritt in die richtige Richtung dar. Die Mitteilung werde analysiert, Selenskyj als Präsident der Ukraine anerkannt.

          Der russische Präsident behauptete zuletzt immer wieder, ukrainische Soldaten begingen einen „Völkermord“ an der russischsprachigen Bevölkerung im Osten der Ukraine.

          So reagiert der Westen

          Die NATO verlegt zur Abschreckung Russlands Einheiten ihrer schnellen Einsatztruppe NRF. Das kündigte Generalsekretär Jens Stoltenberg am Freitagabend nach einer Videokonferenz der Staats- und Regierungschefs der 30 Bündnisstaaten an. Die Verbündeten hätten ihre Verteidigungspläne aktiviert und würden infolgedessen mehr Kräfte zur Verteidigung „zu Lande, zu Wasser und in der Luft“ entsenden, sagte er. Dazu gehöre die Entsendung von Tausenden Soldaten und mehr als 100 Kampfjets, die an 30 Orten in höchste Alarmbereitschaft versetzt würden. Die NRF umfasst bis zu 40.000 Soldaten.

          Auf der Flucht: Ukrainer warten am Grenzübergang in Luhansk auf den Übergang in die von der ukrainischen Regierung kontrollierten Gebiete.
          Auf der Flucht: Ukrainer warten am Grenzübergang in Luhansk auf den Übergang in die von der ukrainischen Regierung kontrollierten Gebiete. : Bild: dpa

          Die USA verhängen Sanktionen gegen Russlands zweitgrößte Bank und weitere russische Kreditinstitute. Sie würden damit vom US-Finanzmarkt und Geschäften in US-Dollar ausgeschlossen, sagte Präsident Joe Biden. Die Vereinigten Staaten verlegen zudem 7000 weitere Soldaten nach Europa, die zunächst in Deutschland stationiert werden und die Verteidigung der NATO-Partner stärken sollen.

          Bei einem Krisengipfel in Brüssel in der Nacht zu Freitag vereinbarten die EU-Staats- und Regierungschefs Strafmaßnahmen mit Blick auf Energie, Finanzen und Transport. Zudem soll es Exportkontrollen für bestimmte Produkte sowie Einschränkungen bei der Visavergabe geben. Der Ausschluss Russlands aus dem Zahlungssystem SWIFT ist im Sanktionspaket bisher nicht enthalten.

          Am Freitagnachmittag wurde bekannt, dass die EU auch Putin und Lawrow auf ihre Sanktionsliste setzt. Dies bedeutet, dass möglicherweise in der EU vorhandene Vermögenswerte der beiden Politiker eingefroren werden. Zudem dürfen sie nicht mehr in die EU einreisen. Außenministerin Annalena Baerbock (Grüne) sagte, die Maßnahmen seien nun auch gegen diejenigen persönlich gerichtet, die für den Krieg verantwortlich seien. Die EU-Innenminister wollen am Wochenende zu einem Krisentreffen angesichts einer möglicherweise großen Fluchtbewegung aus der Ukraine zusammenkommen.

          Der Europarat hat Russland wegen des Angriffs auf die Ukraine suspendiert. Das Ministerkomitee mit Vertretern der 47 Mitgliedsländer entschied am Freitagnachmittag, Russland wegen schwerer Verstöße von seinem Recht auf Vertretung innerhalb der Straßburger Organisation zu entbinden. Russland bleibt dennoch formell Mitglied.

          In Deutschland stellt die Regierungskoalition Entlastungen der Bürger im Falle kriegsbedingt steigender Energiepreise in Aussicht und bereitet sich auf mögliche Hacker-Angriffe auf die kritische Infrastruktur in Deutschland vor.

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