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Ukraine-Krise und Propaganda : Bestätigten Meldungen zufolge...

Diese Panzerkolonne war am Montag auf dem Weg nach Donezk. Ob es sich wirklich um russische Fahrzeuge handelte, kann niemand mit letzter Sicherheit sagen - auch wenn es in diesem Fall mehrere Quellen gibt Bild: AFP

Mehr als einmal haben sich Kiewer Meldungen über den Krieg als unhaltbar erwiesen. Es ist nicht einfach, sie zu prüfen. Für die jüngsten Berichte über russische Militärkolonnen gibt es aber Hinweise aus mehreren Quellen.

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          Der Krieg um das ukrainische Industrierevier Donbass gleicht seit dem Minsker Waffenstillstand vom 5. September einem Meeresstrand bei böigem Wind. Die Brandung schwillt an und wieder ab, doch sie kommt nie zur Ruhe. Jeder Tag kostet Menschenleben, und erst in der vergangenen Woche sind zwei Teenager in der Regionalmetropole Donezk getötet worden, als eine Granate ihre Schule traf. Wie immer haben beide Kriegsparteien die Schuld der anderen Seite zugeschoben. Die Separatisten sagen in solchen Fällen, die Ukraine führe eine „Strafexpedition“ gegen friedliche Bürger. Kiew behauptet, die prorussischen Kämpfer provozierten selbst Zwischenfälle, um Vorwände für eine russische Intervention zu schaffen.

          Konrad Schuller

          Politischer Korrespondent der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung in Berlin.

          In den vergangenen Tagen ist die Dünung wieder stärker geworden. Nachdem Kiew in der vergangenen Woche gemeldet hatte, im Kriegsgebiet seien neue „russische“ Kolonnen gesichtet worden (unter anderem war von 32 Panzern die Rede), schwollen die Kämpfe über das Wochenende an. Reporter der Nachrichtenagentur Reuters berichteten von den schwersten Gefechten des letzten Monats, über dem zerschossenen Flughafen von Donezk standen Rauchwolken. Die Gefechte hatten zwar noch nicht die Intensität des vergangenen Sommers, aber sie waren schwer genug, um Bundesaußenminister Frank-Walter Steinmeier zu einer Warnung zu veranlassen: „Wir müssen jetzt sehr achtgeben, dass wir nicht zurückgeraten in einen Zustand auch militärischer Auseinandersetzungen, den wir schon überwunden zu haben glaubten“, sagte er während eines Besuchs in Kasachstan.

          Wenn Meldungen sich als unhaltbar erweisen

          Inmitten der trostlosen Routine von Waffenruhe, Blut und Propaganda ist in diesen Tagen aber ein Detail aufgefallen. Es ist möglich gewesen, zumindest eine der wechselseitigen Beschuldigungen zwar nicht direkt zu überprüfen, aber doch durch unabhängige Quellen plausibel zu machen: eine Behauptung des ukrainischen Armeesprechers Andrij Lyssenko vom Freitag, der zufolge 32 Panzer, 16 Haubitzen und 30 Lastwagen mit Soldaten aus Russland die Grenze zu den Separatistengebieten im Gebiet Luhansk überschritten hätten.

          So eine Meldung erfordert an sich extreme Vorsicht. Oberst Lyssenko gibt zwar im Kiewer Hotel Ukraina täglich Pressekonferenzen, und sein Stab veröffentlicht regelmäßig Karten mit Frontlinien und Gefechtsschwerpunkten. Aber er ist in diesem Konflikt natürlich Partei, und mehr als einmal haben Meldungen der ukrainischen Seite sich später als unhaltbar erwiesen. Es ist deshalb bemerkenswert, dass dieses Mal das Anschwellen der Gefechtstätigkeit und Lyssenkos Bericht über angeblichen Nachschub aus Russland von Meldungen aus unabhängiger Quelle wenn nicht belegt, so doch gestützt worden ist. Unter anderem schrieb zum Beispiel Natalija Wasiljewa von der amerikanischen Nachrichtenagentur AP am Samstag auf Twitter, ihr Team habe im Separatistengebiet auf dem Weg nach Donezk Militärkolonnen ohne Kennzeichen gesehen, die auch Artillerie mitgeführt hätten.

          Mehrere große Nachrichtenagenturen unterhalten permanent Teams in Donezk, die sich dort unter beträchtlichem Risiko bewegen – einem Risiko, das auch dadurch nicht ausgeschaltet wird, dass sie von privaten Sicherheitsfachleuten begleitet werden, oft von ehemaligen Berufssoldaten aus Großbritannien und anderen Ländern. Diesen Korrespondenten gelingt es zwar selten, ein systematisches Bild vom Kriegsgeschehen zu zeichnen, aber ihre punktuellen Beobachtungen sind in diesem Konflikt der Propaganda und Gegenpropaganda dennoch wichtige Quellen. Erst am Montag hat die französische Agentur AFP eine weitere solche Meldung veröffentlicht: Am Morgen hätten ihre Teams im Rebellengebiet 21 Lastwagen, 14 Haubitzen und sechs Panzer auf der Straße nach Donezk beobachtet.

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