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Krieg in der Ukraine : Die ersten Zivilisten haben das Stahlwerk verlassen

Zuflucht in Saporischschja: Flüchtlinge werden am Sonntag von Polizei und Militär nach Informationen aus den umkämpften Gebieten befragt. Bild: Daniel Pilar

Erstmals kann eine Gruppe von Zivilisten das umkämpfte „Asowstal“-Gelände in Mariupol verlassen. Doch Russland setzt seine Angriffe fort. Offenbar will es möglichst viel Gelände gewinnen, bevor die vom Westen versprochenen Waffen ankommen.

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          Während Russland den militärischen Druck im Donbass weiter erhöht, bereitet sich die südostukrainische Großstadt Saporischschja auf die Aufnahme weiterer Flüchtlinge vor. Am Samstagabend meldete der Kommandeur der in Mariupol eingeschlossenen ukrainischen Kräfte, dass erstmals eine Gruppe von 20 Frauen und Kindern das Gelände des umkämpften „Asow“-Stahlwerks habe verlassen dürfen, wo sich neben den letzten verbliebenen ukrainischen Kämpfern noch rund 1000 Zivilisten verstecken sollen.

          Alexander Haneke
          Redakteur in der Politik.

          Russische Quellen berichteten von insgesamt 46 Menschen, die von dem Gelände gebracht worden seien. Am Sonntagnachmittag sprach dann der ukrainische Präsident Wolodymyr Selenskyj von rund 100 Zivilisten, die sich auf dem Weg von Mariupol nach Saporischschja befänden.

          Angelpunkt für Flüchtlinge

          Kiew und Moskau hatten sich in der vergangenen Woche auf Vermittlung von UN-Generalsekretär António Guterres darauf geeinigt, eine Fluchtroute für die in dem Stahlwerk verbliebenen Zivilisten einzurichten, wo sich weiter eine unbekannte Zahl von Kämpfern des ukrainischen „Asow-Regiments“ verschanzt hat. In der Vergangenheit hatte Russland seine Zusagen für eine Feuerpause zur Evakuierung jedoch meist nicht eingehalten.

          Die Industriestadt Saporischschja ist seit Beginn der russischen Invasion zu einem Angelpunkt für Flüchtlinge aus dem umkämpften Süden und Osten der Ukraine geworden. Allein in dem Aufnahmezentrum in einem Gewerbegebiet im Süden der Stadt wurden seit Anfang März 115.000 Flüchtlinge registriert. Die meisten von ihnen kamen in Kolonnen privater Fahrzeuge, die von Familienangehörigen und Freiwilligen organisiert wurden, da vereinbarte sichere Fluchtkorridore für eine Evakuierung in Bussen immer wieder an russischem Beschuss scheiterten.

          Seit Russland seine Offensive im Donbass vor rund zwei Wochen intensiviert hat, nahm die Zahl ankommender Flüchtlinge jedoch stetig ab. Zuletzt konnten sich wegen der heftigen Kämpfe zum Teil nur noch weniger als hundert Menschen am Tag nach Saporischschja retten. Am Sonntag kamen zunächst einige Autos mit Geflüchteten aus den Gebieten Donezk und Saporischschja in einer Kolonne an.

          Die Insassen berichteten, dass sie auf dem Weg einen Konvoi gesehen hätten, der möglicherweise aus Mariupol komme. Die russischen Kräfte hätten ihn aber mit Verweis auf die heftigen Gefechte in der Gegend zunächst nicht passieren lassen. Ob es sich dabei um die Zivilisten aus dem „Asowstal“-Gelände handelte, blieb unklar.

          Selenskyj sagte, man rechne damit, dass der Konvoi schon am Montag Saporischschja erreichen werde. Sicherheitskräfte sagten der F.A.Z. indes, sie gingen davon aus, dass die Zivilisten aus dem „Asowstal“-Gelände bis zu drei Tage brauchen könnten, um aus den umkämpften Gebieten zu gelangen. Auf dem Weg von Mariupol bis zur Front sind mehr als 20 russische Kontrollpunkte zu passieren, an denen die Fahrzeuge aufgehalten werden. Flüchtlinge und Helfer berichten von schikanösen Kontrollen und regelmäßigen Misshandlungen durch die Soldaten bis hin zu willkürlichen Tötungen. Flüchtlinge aus Mariupol lässt Russland zudem nur noch in Richtung der prorussischen Separatistengebiete ausreisen.

          Die russischen Truppen kommen näher: eine mit Sandsäcken befestigte Straße in Saporischschja
          Die russischen Truppen kommen näher: eine mit Sandsäcken befestigte Straße in Saporischschja : Bild: Daniel Pilar

          Die Front ist nur rund 50 Kilometer von Saporischschja entfernt. Am Wochenende hieß es, die Städte Orichiw und Wasyliwka stünden unter heftigem Artilleriebeschuss. In der Stadt befürchtet man, dass Russland seine Angriffe in den nächsten Tagen weiter intensivieren wird, um möglichst große Geländegewinne zu erzielen, bevor die vom Westen versprochenen schweren Waffen die ukrainischen Kräfte erreichen und verstärken. Die Zugänge nach Saporischschja sind inzwischen mit zahlreichen Verteidigungsanlagen gesichert. Die nächtliche Ausgangssperre wurde am Sonntag auf 17 Uhr vorgezogen.

          Auch von Osten her verstärkte die russische Armee am Wochenende ihre Angriffe, um die im Donbass stationierten ukrainischen Kräfte von zwei Seiten einzuschließen. Nachdem sie die Stadt Nowotoschkiwske im Luhansker Gebiet eingenommen haben, rücken russische Truppen nach ukrainischen Angaben auf Orichowe vor. Die Armeeführung in Kiew berichtete am Sonntag zudem, dass innerhalb von 24 Stunden neun russische Angriffe abgewehrt worden seien. Dabei wurden den Angaben zufolge unter anderem acht russische Kampfpanzer und 24 gepanzerte Fahrzeuge zerstört.

          Kiew meldete zudem den Abschuss zweier russischer Kampfflugzeuge, eines Hubschraubers und von vier Orlan-10-Drohnen. Auch aus der umkämpften ostukrainischen Großstadt Charkiw, die nördlich des Donbass liegt, wurde abermals Beschuss durch Artillerie und Raketenwerfer gemeldet.

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