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Krieg in der Ukraine : Drohnen über der Krim abgeschossen

  • Aktualisiert am

Ein Mann flüchtet in der Nähe von Charkiw mit seinen Habseligkeiten. Bild: AFP

Russland will zwei Drohnenangriffe auf der Krim vereitelt haben. Im russisch besetzten Atomkraftwerk Saporischschja spitzt sich die Lage zu. Die Lage im Überblick.

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          Auf der von Russland annektierten Halbinsel Krim hat die russische Flugabwehr angeblich an zwei strategisch wichtigen Orten Drohnen abgeschossen. Einen Einsatz der Verteidigung gegen Luftangriffe gab es am Donnerstagabend beim größten Militärflugplatz der Krim, Belbek bei Sewastopol, wie der örtliche Gouverneur Michail Raswoschajew mitteilte. Ebenso waren Flugabwehrfeuer und Explosionen über der Stadt Kertsch zu hören. Auch dort wurde angeblich eine Drohne abgeschossen. Bei Kertsch verbindet die strategisch wichtige Straßen- und Eisenbahnbrücke die Krim mit dem russischen Festland.

          Im russischen Gebiet Belgorod brannte ein Munitionsdepot dicht an der Grenze zur Ukraine aus. Die Vorfälle weit hinter der eigentlichen Front ereigneten sich nur wenige Stunden nach einem Dreiergipfel von Ukraine, Vereinten Nationen und der Türkei in Lwiw (Lemberg).

          Dort hatten UN-Generalsekretär António Guterres und der türkische Staatschef Recep Tayyip Erdogan beim ukrainischen Präsidenten Wolodymyr Selenskyj ausgelotet, ob Gespräche über ein Ende des seit einem halben Jahr dauernden Krieges möglich sind. Selenskyj bekräftigte, dass Verhandlungen erst möglich seien, wenn Russland alle widerrechtlich besetzten Gebiete in der Ukraine geräumt habe.

          Trotz der Vermittlungsbemühungen spitzte sich die Lage in und um das von russischen Truppen besetzte Atomkraftwerk Saporischschja weiter zu. Russland und die Ukraine beschuldigten einander, dort für Freitag einen Anschlag zu planen. Guterres wollte am Freitag die südukrainische Hafenstadt Odessa am Schwarzen Meer besuchen und sehen, wie die mit UN-Hilfe ausgehandelten Getreideexporte aus der Ukraine laufen. Für die Ukraine ist es der 177. Tag des Krieges.

          Russische Militäranlagen auf der Krim nicht mehr sicher

          Die ukrainische Armee habe ein Recht darauf, russische Militärobjekte auf der Krim zu vernichten, sagte Präsidentenberater Mychajlo Podoljak im Fernsehen. Die Kiewer Führung hat nicht offiziell die Verantwortung für die wachsende Zahl von Explosionen und Zwischenfällen auf der Krim übernommen. Gleichzeitig ist deutlich, dass die Ukraine die russische Armee auf der bislang unantastbaren Halbinsel, die als militärisches Aufmarschgebiet dient, unter Druck setzt.

          Ukrainische Kinder spielen in Stoyanka in der Nähe von Kiew.
          Ukrainische Kinder spielen in Stoyanka in der Nähe von Kiew. : Bild: AFP

          Nach den Explosionen der vergangenen Tage war am Donnerstagnachmittag im Westen der Krim bei dem Ort Meschwodnoje eine weitere schwarze Rauchsäule beobachtet worden. Der örtliche Zivilschutz sprach aber von brennendem Gras. Am Fliegerhorst Belbek gab es nach Angaben von Gouverneur Raswoschajew durch die abgeschossene Drohne weder Schäden noch Verletzte. Unabhängig überprüfbar waren die Berichte zunächst nicht. Nach den Vorkommnissen herrschte über der gesamten Ukraine in der Nacht zu Freitag Luftalarm.

          Droht ein Anschlag am Atomkraftwerk Saporischschja?

          Das russische Verteidigungsministerium und der ukrainische Militärgeheimdienst veröffentlichten am Donnerstag bedrohliche Warnungen, dass die jeweils andere Seite für Freitag Sabotageakte im AKW Saporischschja plane. Die russischen Besatzer hätten unerwartet einen arbeitsfreien Tag im größten Atomkraftwerk Europas verkündet, hieß es in der Kiewer Mitteilung. Nur die Bedienungsmannschaft solle im AKW verbleiben, allen anderen sei der Zutritt untersagt worden.

          Im Internet kursierte ein nicht verifiziertes Video, das angeblich russische Militärlastwagen in einer Halle neben einem Reaktor zeigt. In den letzten Tagen ist das Werk immer wieder beschossen worden, wofür Russen und Ukrainer sich gegenseitig verantwortlich machen.

          Selenskyj sprach mit Guterres in Lwiw über eine erwartete Mission internationaler Experten. Er sehe keine „objektiven Hindernisse“ für die Spezialisten der Internationalen Atom-Energiebehörde (IAEA), zum Kraftwerk zu gelangen, sagte er. Die Reise werde „sehr schnell und insgesamt sicher auf legalem Weg durch das freie Territorium unseres Staates zur Station“ führen.

          Die russischen Truppen müssten das AKW sofort und bedingungslos räumen, forderte Selenskyj. „Die Welt hat die Macht, dies durchzusetzen.“ Sonst könne man alle internationalen Rechtsakte zur Atom- und Strahlensicherheit vergessen. „Russland zerstört diese internationale Ordnung.“

          Guterres sprach sich erneut für eine Entmilitarisierung des Kraftwerks und seiner Umgebung aus. Russland fordert dagegen eine Anreise der Experten über sein Gebiet und lehnt einen Abzug seiner Soldaten aus angeblichen Sicherheitsgründen ab.

          Estland schickt mehr Waffen in die Ukraine

          Estland will der Ukraine weitere Waffen liefern, darunter Mörser und Panzerabwehrwaffen. Das beschloss die Regierung in Tallinn. Auch will das baltische EU- und Nato-Land die Initiative Großbritanniens zur Ausbildung ukrainischer Soldaten unterstützen. Estland wolle zudem mit Deutschland ein weiteres Feldlazarett in die Ukraine schicken. Das kleine Land hat nach eigenen Angaben seit dem russischen Angriff Militärhilfe im Wert von 250 Millionen Euro an die Ukraine geleistet.

          Von großen europäischen Ländern wie Deutschland, Frankreich oder Italien wurden im Juli keine nennenswerten Militär- oder Finanzhilfen mehr angekündigt. Das teilte das Institut für Weltwirtschaft in Kiel mit, das laufend alle Zusagen auswertet. „Im Juli haben die Geberländer vor allem Zugesagtes geliefert und wenig Initiativen für neue Hilfen angestoßen“, sagt der Experte Christoph Trebesch. Nach einem Bericht der „Welt“ (Freitag) bittet die Ukraine in Deutschland seit zehn Wochen vergeblich um neue Waffen.

          Der russische Präsident Wladimir Putin trifft sich in Sotschi mit dem kasachischen Staatschef Kassym-Schomart Tokajew. Das rohstoffreiche Kasachstan in Zentralasien ist ein Verbündeter Russlands. Was den Krieg gegen die Ukraine betrifft, achtet Kasachstan aber sehr auf Abstand zu Moskau.

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