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Krieg in der Ukraine : Ein Angriff aus Belarus

Ausgebombte Verkaufsstände: Auch in der Region Charkiw, im Osten der Ukraine, hat Russland seine Angriff zuletzt weiter verstärkt. Bild: AFP

Wieder schlagen russische Raketen in der Ukraine ein. Einige Schläge kommen aus dem nördlichen Nachbarland. Weitet Belarus seine Unterstützung für Putin aus?

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          Bombennächte haben die Menschen in der Ukraine in den mehr als drei Monaten des russischen Überfalls schon viele erlebt. Die zum Samstag aber hatte es in sich. Das lag nicht nur am Umfang der Angriffe. In den Gebieten Chmelnyzkyj, Lwiw, Mykolajiw, Schytomyr und Tschernihiw seien Einschläge registriert worden, meldete die ukrainische Nachrichtenagentur Unian. Allein in der Umgebung von Schytomyr – einer Großstadt westlich von Kiew – schlugen nach Angaben von Bürgermeister Serhij Suchomlin 24 Raketen ein. Dabei sei ein Soldat getötet worden. Für Aufsehen sorgte die Richtung, aus der einige der Schläge kamen: aus Belarus.

          Lorenz Hemicker
          Redakteur in der Politik

          Die ukrainischen Streitkräfte registrierten sechs Langstreckenbomber des Typs Tupolew Tu-22M, eines sowjetischen Modells, das zwischen 1967 und 1997 produziert wurde, im Luftraum des nördlichen Nachbarn. Über der Stadt Petrykau, gut 50 Kilometer von der Grenze zur Ukraine entfernt, hätten sie zwölf Raketen abgefeuert. Anschließend seien sie nach Russland zurückgekehrt, so die ukrainischen Streitkräfte in ihrer Mitteilung auf Facebook. Die Angaben lassen sich nicht überprüfen.

          Der erste Angriff seiner Art

          Beim Luftangriff auf die Ukraine aus dem belarussischen Luftraum handelte es sich um den ersten seiner Art. Belarussische Regimegegner und ukrainische Medien bringen den Angriff mit dem Treffen des belarussischen Machthabers Alexandr Lukaschenko mit Russlands Präsident Wladimir Putin an diesem Samstag in Verbindung. Lukaschenko, einer der wenigen Verbündeten Putins, hatte seine Unterstützung für Moskau bislang stets dosiert. Rhetorisch steht Minsk zwar klar auf Moskaus Seite. In der ersten Phase des Kriegs konnten die russischen Angreifer das Land auch als Aufmarschgebiet nutzen für ihre Zangenbewegung in Richtung Kiew, die von den Ukrainern erfolgreich abgewehrt wurde. Mit eigenen Truppen hat sich das Land bislang aber nicht eingemischt.

          In der Ukraine gibt es die Sorge, dass sich das aufgrund zunehmenden Drucks aus Russland ändern könnte. Allerdings sind die Hürden dafür hoch. Sowohl in der Bevölkerung als auch in den Streitkräften von Belarus soll es kaum Begeisterung für einen Waffengang gegen den Nachbarn geben. Zudem fürchtet Lukaschenko offenkundig, dass ein Krieg zu einem Wiederaufflammen der Proteste gegen sein Regime und ihn führen könnte, die vor allem im Jahr 2020 zu einer Machtprobe für ihn wurden.

          Gegenüber den ukrainischen und mehr noch den russischen Streitkräften gelten die belarussischen unter Militärfachleuten als die schwächsten – und die kleinsten. Die Zahl der aktiven Soldaten lag nach Angaben des Londoner Instituts für Strategische Studien zuletzt bei rund 45.000, ihr Material stammt weitestgehend aus Sowjetzeiten beziehungsweise Russland und gilt als überwiegend veraltet. Das Militärbudget umfasste 2020 knapp über ein Prozent des Bruttoinlandsprodukts – auch das ist deutlich weniger als in Russland oder der Ukraine. Hinzu kommen die Erfahrungen aus den ersten Kriegsmonaten. Beim direkten Angriff von Norden auf die Ukraine war es den Verteidigern gelungen, den russischen Angreifern hohe Verluste zuzufügen. Das dürfte im belarussischen Generalstab verfolgt worden sein.

          Allerdings gäbe es für Belarus auch unterhalb der Schwelle eines direkten Angriffs Möglichkeiten, die Ukraine zu schwächen. Schon das Risiko von boden- und landgestützten Angriffen dürfte die Ukrainer dazu bringen, die Verteilung ihrer Kräfte zu überdenken – zulasten der Front, an der Kiew momentan eigentlich jeden Soldaten und jedes Waffensystem benötigt: in der Schlacht um den Donbass.

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