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Putin trifft Mütter : Lieber Heldentod als Verkehrsunfall

Putin mit den Müttern von Kämpfern Bild: AP

Um auf Kritik zu reagieren, arrangiert der Kreml ein Treffen mit ausgewählten Müttern von Kämpfern. Ihnen erzählt der Präsident, wie gut es sei, für die Heimat zu sterben statt durch Alkohol oder einen Unfall.

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          Russlands Präsident rühmt regelmäßig den Tod für das Vaterland als würdiges Lebensziel. Am Freitag war es neuerlich soweit, doch in besonderem Rahmen. Wladimir Putin empfing in seiner Residenz Nowo-Ogarjowo westlich von Moskau Frauen, deren Söhne laut Kreml in Putins „Spezialoperation“ kämpfen respektive bereits in der Ukraine umgekommen sind. Anlass war der Muttertag an diesem Sonntag; der Grund vermutlich, mögliche Zweifel der Russen am Sinn der Opfer zu zerstreuen. „Ich persönlich und die ganze Führung des Landes: Wir teilen diesen Schmerz“, war Putins Botschaft an die betroffenen russischen Familien gleich zu Beginn.

          Friedrich Schmidt
          Politischer Korrespondent für Russland und die GUS in Moskau.

          Der Kreml hatte 17 Frauen ausgewählt und um einen ovalen Tisch platziert. Vor allen, auch vor Putin, standen eine Kanne mit Tee, ein Teller Gebäck sowie Schale auf langem Stil mit mehreren Sorten Beeren. Wie üblich in solche Fällen, waren die Gäste genau verlesen: Nicht eingeladen waren die traditionellen Vertreterinnen der Familien von Soldaten und Wehrpflichtigen, die „Komitees der Soldatenmütter“, sowie eine neue Vereinigung, der „Rat der Mütter und Ehefrauen“. Letzterer hatte lautstark gefordert, zu dem am vergangenen Dienstag angekündigten Empfang bei Putin geladen zu werden.

          Vergebens. Stattdessen waren unter den Frauen mehrere, die sogar eine Liste des Kremls als Vertreterinnen systemtreuer Organisationen und Behörden auswies. Eine der Frauen, Nina Pschenitschkina, wirkt demnach in einer Schulbibliothek in der „Volksrepublik“ des ostukrainischen Luhansker Gebiets, das Putin vor Kurzem annektiert hat.

          „Im Nachhinein sind wir alle weiser“

          Die Einlassung dieser Mutter gab Putin die Vorlage für sein einprägsamstes Todeslob. Pschenitschkinas sagte, ihr Sohn Konstantin sei 2014 zum „Landsturm“ gestoßen. So wurden in Russland die damals aufgestellten Freischärlerverbände genannt, die für eine Abspaltung von der Ukraine kämpften. Er sei „in einem der morgendlichen Kämpfe“ gefallen, sagte die Mutter: Als „der Feind“ sich der Stellung genährt habe, sei der Sohn aus dem Graben gesprungen, „zog das Feuer auf sich, und seine letzten Worte waren: ‚Auf geht’s, Brüder, lasst uns Dilllinge umhauen.‘“ Das russische Wort lautet „ukrop“, ist ein Schimpfwort für die Ukrainer und bedeutet zudem Dill.

          Eine Datenbank für Kämpfer, die für eine Abspaltung des Donbass und den Anschluss an Russland gefallen sind, offenbart, dass Konstantin Pschenitschkin nicht in Putins Invasion von Ende Februar an, sondern schon im April 2019 umgekommen ist. Das wurde nun nicht erwähnt. Putin sagte aber mit Blick auf 2014, im Nachhinein seien „wir alle weiser“: Man hätte die Gebiete im Donbass schon früher mit Russland „wiedervereinigen“ sollen. Dass es erst jetzt geschehen sei, „geschieht auch dank Ihres Sohnes“, sagte Putin.

          Nina Pschenitschkina (Mitte) und andere handverlesene Mütter
          Nina Pschenitschkina (Mitte) und andere handverlesene Mütter : Bild: AP

          Mit sanfter Stimme, als wäre er ein Priester, sprach der Präsident von einer „enormen Tragödie, dieser Leere, die man mit nichts auffüllen kann“. Doch stürben in Russland jedes Jahr etwa 30.000 Menschen in Verkehrsunfällen, „am Alkohol etwa ebenso viele“. Es sei nicht wichtig, welchem Glauben man anhänge, fuhr Putin fort. „Wichtig ist, dass wir alle sterblich sind, alle dem Herrn unterstehen. Und irgendwann werden wir diese Welt verlassen, das ist unvermeidlich. Die Frage ist, wie wir lebten“, gab Putin zu bedenken. „Bei manchen ist unklar, leben sie oder nicht, und unklar ist auch, wie sie gehen, wegen Wodkas oder irgendetwas anderem, und dann sind sie gegangen.“ Da sei gar nicht wahrnehmbar, ob jemand gelebt habe oder nicht. „Aber Ihr Sohn lebte, verstehen Sie das?“, sagte er zu Pschenitschkina. „Sein Ziel ist erreicht. Das bedeutet, dass er nicht vergebens aus dem Leben geschieden ist. Verstehen Sie? In diesem Sinne hat sich sein Leben natürlich als bedeutend erwiesen“. Der Sohn habe das Ziel erreicht, das er angestrebt habe.

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