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Russlands Nachschubsorgen : „Putins Koch“ wirbt für Fronteinsatz russischer Häftlinge

„Putins Koch“: Der mit dem Kreml und dem Verteidigungsministerium verbundene Geschäftsmann Jewgenij Prigoschin im August 2016 in St. Petersburg Bild: AP

Der russische Unternehmer Jewgenij Prigoschin kommentiert ein Video, das ihn beim Rekrutieren in einer Strafkolonie zeigen soll: Wer das nicht wolle, solle seine Kinder in den Krieg schicken.

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          Bisher ist die russische Führung nicht von der Formel abgewichen, Präsident Wladimir Putins „Spezialoperation“ in der Ukraine laufe „nach Plan“. Nun mehren Äußerungen des Geschäftsmanns Jewgenij Prigoschin, der mit Internethetze auch im Westen und mit der Söldnertruppe „Wagner“ verbunden wird, die Zweifel daran. Seit Wochen berichten unabhängige Medien, Prigoschin besuche persönlich Straflager und werbe vor Häftlingen dafür, sich „Wagner“ anzuschließen und in der Ukraine zu kämpfen. Nun ist ein Video an die Öffentlichkeit gelangt, das einen solchen Auftritt Prigoschins zeigen soll. Der Geschäftsmann selbst kommentierte es mit den Worten, wer nicht wolle, dass private Militärunternehmen oder Sträflinge in der Ukraine kämpften oder wem das Thema unangenehm sei, der solle „seine eigenen Kinder an die Front schicken“. Da müsse man sich entscheiden.

          Friedrich Schmidt
          Politischer Korrespondent für Russland und die GUS in Moskau.

          In dem Video, das in einer Strafkolonie der Teilrepublik Mari El aufgezeichnet worden sein soll (sie liegt etwa auf halbem Weg zwischen Moskau und dem Ural), stellt sich ein Mann, der genau wie Prigoschin aussieht, umringt von Männern in Häftlingskluft als „Vertreter“ von „Wagner“ vor. Der „Krieg“ in der Ukraine sei härter als alle anderen, sagt er und zählt „Sünden“ der Söldner auf: Desertieren oder sich in Gefangenschaft begeben dürfe man nicht; dafür bekomme man „zwei Granaten“. Alkohol, Drogen, Plündern und sexuelle Kontakte seien ebenfalls verboten. Er brauche „nur Sturmtruppen“, sagt der Mann. Wer „rotzfrech“ sei, habe die größten Überlebenschancen. Nach einem halben Jahr würden die Häftlinge begnadigt, verspricht er. Nur „Allah und Gott“ würden Häftlinge vor Ablauf des Strafmaßes „herausholen“, aber „in einer Holzkiste. Ich dagegen nehme euch lebend. Aber ich bringe euch nicht immer lebend zurück.“

          Möglich scheint, dass das wohl mit einem Smartphone aufgenommene Video mit Zutun Prigoschins verbreitet worden ist, als neuer Loyalitätsbeweis gegenüber Putin. Staatsaufträge, die Streitkräfte und öffentliche Einrichtungen wie Kindergärten und Schulen zu verpflegen, haben „Putins Koch“ vermögend gemacht; und Häftlinge gegen das Versprechen von Sold und Begnadigung aus den Straflagern zu rekrutieren, wäre ohne Plazet der Machthaber unmöglich.

          Manche Vertreter von Putins Politpersonal haben nach den jüngsten Rückschlägen in der Ukraine eine Generalmobilmachung oder forcierte Bemühungen um Zeitsoldaten angeregt, um der russischen Nachschubprobleme Herr zu werden. Putin macht aber keine Anstalten, das in Russland verbreitete Bild des Krieges als begrenzter „Spezialoperation“ zu erschüttern. Prigoschin pries in seinem Kommentar nun die Rolle der Söldner, und damit offenkundig seine eigene, beim „Schutz der heiß geliebten Heimat“. Sie seien „Patrioten und können keine Schande ihrer Heimat zulassen“. Wenn er, Prigoschin, Häftling wäre, „würde ich davon träumen, in dieses freundschaftliche Kollektiv einzutreten, um die Möglichkeit zu bekommen, nicht nur meine Schuld gegenüber der Heimat einzulösen, sondern mit Zinsen zurückzuzahlen“.

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