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Ukraine-Update : Eine alte Konkurrenz zwischen Klitschko und Selenskyj bricht auf

Selenskyj besichtigt von russischen Raketen zerstörte Häuser in Vyshgorod. Bild: AFP

Zwischen dem ukrainischen Präsidenten Wolodymyr Selenskyj und Kiews Bürgermeister Vitali Klitschko brechen alte Konflikte auf. Derweil gibt es Nachrichten aus Saporischschja, die leise Hoffnung wecken.

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          Nach den intensiven russischen Luftangriffen der vorigen Woche hat der ukrainische Präsident Wolodymyr Selenskyj dem Bürgermeister der Hauptstadt Kiew, Vitali Klitschko, vorgeworfen, nicht genügend Wärmestellen für frierende Einwohner eingerichtet zu haben.

          Gerhard Gnauck
          Politischer Korrespondent für Polen, die Ukraine, Estland, Lettland und Litauen mit Sitz in Warschau.

          Zu Beginn der vorigen Woche hatte Selenskyj gesagt, 4000 solcher Anlaufpunkte seien im ganzen Land in Vorbereitung. Sie sollten als „Punkte der Unbeugsamkeit“ das Ausharren der Bevölkerung ermöglichen. In Verwaltungs- und Schulgebäuden sowie in Zelten sollten die Bürger kostenlos Strom, Mobilfunk, Internet, Wärme, Wasser und Notapotheken nutzen können.

          In der Nacht zum Samstag kritisierte der Präsident, in manchen Orten, „insbesondere in Kiew“, habe es Klagen gegeben. „Dort muss, gelinde gesagt, noch daran gearbeitet werden. Bitte achten Sie darauf. Die Kiewer brauchen mehr Schutz.“ Viele Einwohner der Hauptstadt seien 20 bis 30 Stunden ohne Strom gewesen. „Ich erwarte vom Rathaus qualitätsvolle Arbeit.“ Das liege „in der Verantwortung jedes führenden Kommunalpolitikers“ im Land.

          Alte Konkurrenz von Klitschko und Selenskyj

          Am Samstag antwortete Klitschko im ukrainischen Fernsehen. Nachdem zur Wochenmitte fast die ganze Stadt von den Folgen des Beschusses betroffen war, haben 95 Prozent der Gebäude wieder Wärme und 75 Prozent Strom. Die Wasserversorgung funktioniere überall. Am Sonntag sollte die Stadt demnach zu den „planmäßigen“ Stromabschaltungen zurückkehren. Sie schützen das Netz vor Überlastung und geben den Einwohnern die Möglichkeit, die Elektrizität rechtzeitig zu nutzen und Akkus aufzuladen.

          Der Zeitung „Bild am Sonntag“ sagte Klitschko, Schlüssel des Erfolgs nach dem Angriff Russlands auf die Ukraine „ist der Zusammenhalt, sowohl national als auch international“. Der frühere Boxweltmeister war 2006 in die Politik gegangen und siegte 2014 erstmals in der Direktwahl des Bürgermeisters in der Dreimillionenstadt. In einer landesweiten Umfrage nach der Beliebtheit führender Politiker bekam Klitschko im Sommer einen Sympathiewert von 63 Prozent. Damit landete er auf dem dritten Platz, nach Selenskyj (88 Prozent) und dessen Berater Olexij Arestowytsch. Auch die von Klitschko geführte Partei UDAR, eine Partnerpartei von CDU und CSU in der EVP, bekam gute Werte. Klitschko gilt als möglicher Rivale Selenskyjs auf Landesebene; vor dem Krieg hatte der Präsident versucht, Klitschkos Kompetenzen in Kiew einzuschränken.

          Die heftigen russischen Angriffe vom Mittwoch hatten erstmals während des Krieges durch einen Spannungsabfall zur Abschaltung aller vier Atomkraftwerke der Ukraine geführt. Der Chef der Internationalen Atomenergiebehörde IAEA, Rafael Grossi, hatte das als „außerordentlich besorgniserregend“ und als historisch beispiellosen Fall kritisiert und zur „sofortigen Einstellung aller Kampfhandlungen“ aufgerufen, welche die Sicherheit atomarer Anlagen gefährden. Am Sonntag teilte Regierungschef Denys Schmyhal dann mit, das Energiesystem habe sich stabilisiert. Dennoch gebe es einen Mangel an Kapazitäten von fast 20 Prozent.

          „Anzeichen, dass Russen Abzug aus AKW Saporischschja vorbereiten“

          Zu dem russisch besetzten Atomkraftwerk Saporischschja teilte der Betreiber Enerhoatom mit, vorige Woche haben die Russen am Kontrollpunkt Wasyliwka einen Konvoi mit Ausrüstung und Ersatzteilen für das Kraftwerk beraubt. Sie haben 45 Heizgeräte „für ihren Eigenbedarf entnommen“, schreibt das Unternehmen auf seiner Internetseite.

          Am Sonntag sprach Enerhoatom-Chef Petro Kotin im ukrainischen Fernsehen zugleich von „Anzeichen“, dass die Russen sich nach neun Monaten auf den Abzug aus dem Kraftwerk vorbereiten. In den russischen Staatsmedien werde neuerdings immer wieder darüber diskutiert, ob eine Räumung und „Übergabe“ des AKW an die IAEA sinnvoll sei, sagte Kotin.

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