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Rückzug aus Region um Kiew : Entsetzen über Leichenfunde in der Kiewer Vorstadt Butscha

  • Aktualisiert am

Zerschossene Fahrzeuge auf einer Landstraße bei Bucha. Dort wurden Hunderte Leichen entdeckt. Bild: dpa

Nach dem Rückzug russischer Truppen aus der Region um Kiew wurden in der Vorstadt Butscha Dutzende Leichen auf den Straßen entdeckt. Kanzler Scholz fordert eine schonungslose Aufklärung der „Verbrechen des russischen Militärs“.

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          Nach dem Rückzug russischer Truppen aus der Region um die ukrainische Hauptstadt Kiew sind in der Stadt Butscha, rund 37 Kilometer nordwestlich der Hauptstadt, über 300 getötete Einwohner entdeckt worden. Das berichtete der dortige Bürgermeister Anatolij Fedoruk am Samstag der Nachrichtenagentur AFP. Reporter der Nachrichtenagentur Reuters sahen zahlreiche Leichen auf den Straßen liegen. Aus offenen Gräbern bei einer Kirche ragten Hände und Füße mehrerer Leichname. Auf Twitter kursieren entsprechende Videos.

          Reporter der AFP sahen auf einer einzigen Straße in Butcha mindestens 20 Leichen liegen. Die Toten trugen zivile Kleidung. „Alle diese Menschen wurden erschossen“, sagte Bürgermeister Fedoruk. Die Straßen der Kleinstadt seien mit Leichen übersät. Es stünden Autos auf den Straßen, in denen „ganze Familien getötet wurden: Kinder, Frauen, Großmütter, Männer“. Nach Angaben des Bürgermeisters mussten 280 Menschen in Butscha in Massengräbern beigesetzt werden, da die drei städtischen Friedhöfe noch in Reichweite des russischen Militärs lagen. Die Bilder aus Butscha lösten international Entsetzen aus. Das russische Verteidigungsministerium sprach von Fälschung.

          Bundeskanzler Olaf Scholz (SPD) forderte am Sonntag, die „Verbrechen des russischen Militärs“ müssten „schonungslos“ aufgeklärt werden. Internationale Organisationen wie das Internationale Komitee des Roten Kreuzes müssten Zugang zu den entsprechenden Gebieten erhalten sowie die Täter und ihre Auftraggeber „konsequent zur Rechenschaft gezogen werden“, teilte Scholz in Berlin mit.

          Deutschlands Außenministerin Annalena Baerbock kündigte eine Verschärfung der Sanktionen gegen Russland an. Die Bilder aus Butscha seien „unerträglich“, schrieb Baerbock auf Twitter. „Putins hemmungslose Gewalt löscht unschuldige Familien aus und kennt keine Grenzen. Die Verantwortlichen für diese Kriegsverbrechen müssen zur Rechenschaft gezogen werden“, forderte die Außenministerin.

          Steinmeier wirft Russland Kriegsverbrechen vor

          Bundespräsident Frank-Walter Steinmeier warf Russland schwere Kriegsverbrechen vor. „Die von Russland verübten Kriegsverbrechen sind vor den Augen der Welt sichtbar“, erklärte Steinmeier in Berlin. „Die Bilder aus Butscha erschüttern mich, sie erschüttern uns zutiefst.“ Steinmeier betonte: „Die Repräsentanten der Ukraine haben jedes erdenkliche Recht, Russland anzuklagen und Solidarität und Unterstützung ihrer Freunde und Partner einzufordern.“ Zugleich versicherte der frühere SPD-Außenminister, die Solidarität und Unterstützung aus Deutschland müsse und werde weitergehen.

          Zuvor hatte der ukrainische Botschafter in Deutschland, Andrij Melnyk, dem Bundespräsidenten eine höchst bedenkliche politische Nähe zu Russland vorgeworfen. „Für Steinmeier war und bleibt das Verhältnis zu Russland etwas Fundamentales, ja Heiliges, egal was geschieht. Auch der Angriffskrieg spielt da keine große Rolle“, hatte Melnyk dem „Tagesspiegel“ gesagt.

          Auch EU-Ratspräsident Charles Michel äußerte sich schockiert über die Geschehnisse. Die EU werde die Ukraine beim Sammeln von Beweisen für mögliche spätere Gerichtsverfahren unterstützen, schrieb er auf Twitter. Weitere Sanktionen gegen Russland und Hilfen für die Ukraine würden vorbereitet. Michel beendete seinen Tweet mit der Parole „Ruhm der Ukraine“.

          EU-Kommissionspräsidentin Ursula von der Leyen sprach am Sonntag von Horrorszenen nach dem Abzug der russischen Truppen aus der Umgebung von Kiew. Auf Twitter verlangte sie eine unabhängige Untersuchung. Zugleich versicherte sie: „Kriegsverbrecher werden zur Verantwortung gezogen.“ Auf einem Foto, das der ukrainische Präsidentenberater Mychajlo Podoljak auf Twitter teilte, waren erschossene Männer zu sehen, mit auf dem Rücken gefesselten Händen. Die Echtheit konnte nicht unabhängig geprüft werden.

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