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Ukraine : Knastväterchen Janukowitsch

Aus dem Revier nach ganz oben: Viktor Janukowitsch im Präsidentenpalast in Kiew Bild: Alexander Tetschinski

Der Präsident der Ukraine lässt die Opposition einsperren. Er weiß, wie das Leben in Haft aussieht. Zwei Mal saß er ein - wegen Raubes und wegen Körperverletzung.

          Seit Viktor Janukowitsch Präsident der Ukraine ist, haben im Kiewer Vokabular zwei Worte Karriere gemacht: „Isolator“, die Untersuchungshaftanstalt, und „Kolonia“, das Straflager. Janukowitsch, im Jahr 2004 durch die demokratische „Revolution in Orange“ vorübergehend von der Macht vertrieben, hat seit seiner Rückkehr im Jahr 2010 das Gefängnis zum zentralen Instrument seiner Herrschaft gemacht. Schon wenige Monate nach seinem zweiten Machtantritt kamen die ersten führenden Regimegegner in Haft, mittlerweile ist die Oppositionsführerin und frühere Ministerpräsidentin Julija Timoschenko in einem international scharf kritisierten Prozess zu sieben Jahren Straflager verurteilt worden. Ihr einstiger Innenminister Jurij Luzenko und der frühere amtierende Verteidigungsminister Walerij Iwaschtschenko warten dagegen noch im Kiewer Untersuchungsgefängnis „Lukjaniwka“ auf ihre Urteile.

          Konrad Schuller

          Politischer Korrespondent der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung in Berlin.

          Immer wieder hat das Gefängnis in Janukowitschs Leben eine zentrale Rolle gespielt. Beim ersten Mal, in den späten sechziger Jahren, wuchs er gerade als elternloser Halbstarker zwischen den grauen Abraumhalden und qualmenden Schloten des ostukrainischen Stahl- und Kohlereviers Donbass auf. Aus allen Teilen der Union hatte die Sowjetmacht damals die Männer für die Schächte rekrutiert, man fragte nicht, wo einer herkam, die Zeiten waren rauh. Schlägerbanden beherrschten die Gassen zwischen den Hochöfen, und wer keine schnellen Fäuste hatte, kam nicht weit. Konflikte mit der Miliz, Festnahmen und Jugendstraflager gehörten zum Alltag, und auch Janukowitsch ist damals als Jugendlicher zweimal zu Haftstrafen verurteilt worden. Die genauen Tatumstände sind bis heute ungeklärt, doch nach seiner eigenen Darstellung ging es unter anderem um „Körperverletzung mittleren Grades“.

          Die frühen Gefängnisjahre aus den Akten getilgt

          Die zweite Phase, in der die Welt der Kriminalgerichte und Strafkolonien für Janukowitschs Biographie wichtig wurde, kam ein Vierteljahrhundert später, in den neunziger Jahren. Die Sowjetunion war zerfallen, die Oligarchen und Banditenbarone des ersten Wendejahrzehnts hatten die Gruben und Hütten des Donbass gerade mit Kalaschnikow und Handgranate unter sich aufgeteilt. Aus „kriminellen Autoritäten“, wie es in der Ukraine heißt, wurden Großaktionäre, und Janukowitsch stieg unter dem Schutz der neuen Potentaten 1997 zum Gouverneur von Donezk auf. 2002 ist er dann durch Fürsprache des autoritären Präsidenten Leonid Kutschma, der die regionalen Clans wie kein Zweiter zu dirigieren verstand, gar zum Ministerpräsidenten der ganzen Ukraine geworden. In diesen Jahren, als er längst kein verlorener Jugendlicher in kriminellen Milieus mehr war, sondern ein Mann von Macht und Gewicht, könnten sich hinter den Kulissen der Justiz, so der Verdacht, ungezählte Schattenmänner seiner längst in tiefes Vergessen gesunkenen frühen Gefängnisjahre angenommen haben.

          Als jedenfalls im Jahr 2002 der Journalist Wolodimir Bojko die ersten vagen Hinweise auf die bis dahin streng geheim gehaltene Knastjugend des Gouverneurs publizierte (nach seiner Darstellung hatte ein Mitgefangener ihm davon erzählt, als er wegen eines kritischen Artikels vorübergehend in Haft saß), verstärkten sich die Vermutungen, dass in den Gerichten und Strafkolonien ganze Arbeit geleistet worden war: So viel man auch suchte, in keinem Gerichtsarchiv fand sich ein Urteil, in keinem Gefängnis ein Kladdeneintrag über einen Häftling Janukowitsch. Jemand hatte die unter Zeitgenossen ohnehin längst vergessenen frühen Gefängnisjahre Janukowitschs auch aus dem Gedächtnis der Akten getilgt.

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