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Ukraine : Die Eiserne Lady mit Herz tritt an

Julia Timoschenko nimmt mit Veteranen der ukrainischen Armee am Dienstag in Kiew an einer Kundgebung teil. Bild: dpa

Die ehemalige Regierungschefin der Ukraine hat ihre Kandidatur bei den Präsidentenwahlen bekanntgegeben. Viele sind auf ihrer Seite.

          Vor dem Sportpalast im Herzen der ukrainischen Hauptstadt sammeln sich Hunderte von Menschen. Organisatoren rufen ihre Ortsgruppen zusammen, verteilen die blau-gelben Umhänger, die am Einlass vorgezeigt werden. Ein Parteikonvent der nationalistischen „Vaterlandspartei“ ist angesagt, und zwar ein ganz besonderer. Heute soll die Person zur Präsidentschaftskandidatin gekürt werden, die ohnehin seit Monaten in den Umfragen führt: die „eiserne Lady“ der Ukraine, Julija Timoschenko. Millionenschwere Unternehmerin war sie, dann reformfreudige Politikerin, schließlich Anführerin der proeuropäischen „orangenen Revolution“ von 2004. Danach war sie Regierungschefin und nach einem Machtwechsel zweieinhalb Jahre im Gefängnis – ihr Erzfeind, der korrupte Präsident Viktor Janukowitsch, brachte sie dorthin. 2014 kam die zweite Revolution, die Timoschenko die Freiheit brachte und Janukowitsch in die Flucht schlug.

          Gerhard Gnauck

          Politischer Korrespondent für Polen, die Ukraine, Estland, Lettland und Litauen mit Sitz in Warschau.

          Jetzt fragt die energische Frau die Regierenden aus der Opposition heraus, was aus den Hoffnungen der vergangenen fünf Jahre geworden ist. Und sie tut, was viele erwartet hatten: Sie greift nach dem mächtigsten Amt im Staat. Bald ist der Saal, in dem sonst Wettkämpfe und Konzerte stattfinden, mit etwa 5000 Menschen gefüllt. Viele haben stundenlange Busfahrten aus der Provinz hinter sich. Timoschenkos Partei „Vaterland“ deckt die Kosten. Aber es scheinen nicht alle entschiedene Anhänger zu sein. Ein Student aus Tschernihiw sagt, er wisse noch nicht, für wen er stimmen werde. „Ich will es mir mal anhören.“ Ähnlich zurückhaltend äußert sich ein Mann, dessen runde weiße Kopfbedeckung weithin zu sehen ist, Imam Mohammad aus Saporischja. Er ist stellvertretender Mufti der Muslime in der Ukraine. „Mal sehen, was sie sagt.“ Doch es gibt auch Parteiaktivisten wie den 30 Jahre alten Mykola aus Schytomir. Er war bei der Polizei, musste aus gesundheitlichen Gründen ausscheiden. Jetzt hilft er, wie er sagt, in der Pressearbeit der Partei in seiner Stadt. „Ich erwarte von einer neuen Präsidentin, dass sie den Krieg beendet und dafür sorgt, dass im Land nicht geklaut wird.“ Damit meint er nicht die Taschendiebe, sondern die Korruption.

          Dann kann es losgehen. Alte Wochenschauen auf der riesigen Leinwand stimmen die Zuschauer ein. Vor genau 100 Jahren, im Januar 1919, versuchten die Ukrainer, auf den Trümmern des Zarenreiches eine Republik zu gründen – doch sie war von kurzer Dauer. So würdigt die Stimme des Moderators „hundert Jahre Freiheitskampf um das Recht, im eigenen Land zu leben“. Der erste Redner, der dann auf die Bühne tritt, ist der 90 Jahre alte Ehrenpatriarch der neuen Orthodoxen Kirche der Ukraine. Der Kirchenfürst Filaret hatte nach dem Zerfall der Sowjetunion 1991 einen Teil der orthodoxen Christen im Land von der bis dahin herrschenden Russischen Orthodoxen Kirche abgespalten.

          Filaret spricht ermunternde historische Worte, betet dann mit den Versammelten das Vaterunser und segnet sie. Wenig später kommt auch der Politiker zu Wort, der zur Unabhängigkeit des Landes entscheidend beigetragen hatte: der erste Präsident der Ukraine, Leonid Krawtschuk. Er lobt Timoschenko als „hervorragende Managerin“. Dass die Wahlkämpferin solche geistliche und weltliche Unterstützung hat, dürfte ihre Chancen weiter vergrößern.

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