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Geiselnahme in der Ukraine : Hatte „Maxim der Schlechte“ Komplizen?

Die Geiselnahme im westukrainischen Luzk ging am Dienstag unblutig zu Ende. Bild: dpa

Nach dem unblutigen Ende einer Geiselnahme im westukrainischen Luzk wurde ein weiterer Mann festgenommen. Er soll Kontakt zu dem Täter gehabt haben, der schon einmal wegen Waffenbesitzes im Gefängnis saß.

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          Eine Geiselnahme in einem Bus hat am Dienstag bis zum späten Abend die Ukraine in Atem gehalten. Innenminister Arsen Awakow leitete den Polizeieinsatz direkt am Tatort im westukrainischen Luzk. Sogar Staatspräsident Wolodymyr Selenskyj verhandelte per Telefon mit dem Täter, was zur Freilassung der ersten drei Geiseln führte, und erfüllte eine seiner merkwürdig anmutenden Forderungen.

          Gerhard Gnauck
          Politischer Korrespondent für Polen, die Ukraine, Estland, Lettland und Litauen mit Sitz in Warschau.

          Nach stundenlangen Verhandlungen wurde der Täter von Polizeikräften überwältigt, alle 13 Geiseln blieben unverletzt. Am Mittwoch teilten die Behörden mit, es gebe weitere Verdächtige in dem Fall. Ein Mann in Charkiw, der Kontakt zum Täter gehabt habe, sei deswegen festgenommen worden.

          In der Innenstadt von Luzk, Hauptstadt der Region Wolhynien, hatte der Täter am Dienstagmorgen als Passagier plötzlich einen Überlandbus und 13 Personen, darunter Kinder, in seine Gewalt gebracht. Er hatte ein Sturmgewehr, eine Pistole und Handgranaten bei sich und drohte damit, Sprengsätze im Bus und auch andernorts in der Stadt zu zünden.

          Mehrfach gab der Mann, der sich selbst „Maxim der Schlechte“ nennt, Schüsse auf die Polizisten ab. Im Verlauf der Geiselnahme befahl er den Geiseln, ihre Verwandten anzurufen, und gab dann seine Forderungen durch. Er verlangte, dass führende Politiker, Unternehmer, Beamte sowie Kirchenführer des Landes sich selbst öffentlich als „Terroristen“ bezeichneten. „Der Staat war und ist immer der erste Terrorist“, schrieb Maxim K. Außerdem solle der Präsident den amerikanischen Dokumentarfilm „Earthlings“ (Erdlinge), einen drastischen Film über Massentierhaltung und die industrielle Nutzung von Tieren aus dem Jahr 2005, öffentlich empfehlen.

          Russische Talkshow parallel zur Geiselnahme

          Das hat der Täter, der sich angeblich für Tierrechte in seiner Heimat einsetzt, offenbar auch von Selenskyj gefordert. Nach seinem Telefonat mit dem Täter postete Selenskyj, der als ehemaliger Schauspieler auch in der Politik oft unkonventionell agiert, für kurze Zeit ein Video auf seiner Facebook-Seite, in dem er für den Film warb.

          Noch während das Geiseldrama andauerte, widmete das Staatsfernsehen Russlands dem Drama im Nachbarland eine ganze Talkshow. Die Diskutanten kritisierten in der Sendung das Vorgehen des ukrainischen Innenministers und forderten, „Profis“ müssten die Geiselnahme im Nachbarland beenden. In Russland sind bei der gewaltsamen Beendigung großer Geiseldramen allerdings mehrmals viele Geiseln ums Leben gekommen.

          Der 44 Jahre alte Täter Maxim K. wurde im russischen Teil der Sowjetunion geboren und lebt seit langem in der Ukraine. Ukrainischen Medien zufolge hat er im Priesterseminar studiert, es dann jedoch aus „Enttäuschung“ über die Kirche verlassen. Er hat ein Buch mit dem Titel „Philosophie eines Verbrechers“ geschrieben. K. hat bereits wegen Waffenbesitzes im Gefängnis gesessen und soll in psychiatrischer Behandlung gewesen sein, hieß es. Der Mann werde wegen Terrorismus und Geiselnahme angeklagt, teilte das Innenministerium mit. Ihm drohen bis zu 15 Jahre Haft.

          Neue Serien von Bombendrohungen

          Präsident Selenskyj zeigte sich erleichtert, dass es keine Todesopfer oder Verletzte gab. „Wir haben ein Ergebnis: Alle sind am Leben. Wir kämpfen nicht um Umfragewerte, wir kämpfen um Leben“, teilte das Präsidialamt mit. Einige der freigelassenen Geiseln sagten später den örtlichen Medien, der Täter habe sie „gut“ behandelt. Allerdings hätten sie nicht auf die Toilette gehen können; der Täter habe ihnen vorgeschlagen, statt eines WC einen Eimer zu benutzen.

          In der lange Zeit sehr ruhigen Ukraine hat Gewalt im öffentlichen Raum, ebenso wie der Besitz von Schusswaffen, seit Beginn der russischen Aggression gegen das Land 2014 stark zugenommen. Zeitweise gab es ganze Serien anonymer – und fast immer „leerer“ – Bombendrohungen. Seit Dienstag häufen sich solche Drohungen wieder: Sie betrafen jeweils mehrere Objekte in den Großstädten Kiew und Charkiw. U-Bahn-Stationen wurden gesperrt und durchsucht, eine Sprengladung wurde nach Angaben der Behörden entdeckt. Zu Explosionen kam es nicht.

          Nach Angaben ranghoher Behördenvertreter ging ein Teil der Drohungen in den vergangenen Jahren telefonisch oder elektronisch aus Russland ein. Die Ukraine einerseits, russische und prorussische Kämpfer andererseits stehen sich seit Jahren in einem Stellungskrieg in der Ostukraine gegenüber, der fast jede Woche Opfer fordert.

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