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Ukraine : Freiheit oder Janukowitsch

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Gebannte Blicke nach Kiew: Auf dem Lemberger Platz fließen Tränen Bild: URIEL SINAI/The New York Times/R

Aus Lemberg in der Westukraine kommen viele der Kämpfer vom Kiewer Majdan. Für ein paar Tage fahren sie in die Hauptstadt, dann patrouillieren sie wieder in der Heimat.

          Am Morgen nach dem Knall stehen Roman und Andrij in Tarnjacken vor einer rauchenden Tonne und beschützen das hell verklinkerte Kasernengebäude der Spezialeinheit Berkut am Stadtrand von Lemberg (Lwiw), gut 500 Kilometer westlich von Kiew. In dem viergeschossigen Bau, der sich kaum von den umliegenden Mietskasernen unterscheidet, hat es am Donnerstagabend eine Explosion gegeben. Brandspuren sind von außen nicht zu erkennen, aber das Feuer soll sich rasch im Gebäude ausgebreitet haben.

          Zwei Menschen sollen dabei ums Leben gekommen sein. Einer von ihnen hat Berkut-Uniform getragen, der andere war in Zivil, wird ein Polizeisprecher bei einer Pressekonferenz des Bürgermeisters später am Tage sagen. „Wir haben Männer in schwarzen Masken herauskommen sehen“, sagt Andrij. Die stiegen in ein Auto und fuhren weg, niemand weiß wohin. Wenn Andrij, ein Mittdreißiger mit zerfurchtem Gesicht, „wir“ sagt, meint er die jungen Kerle von der Patrouille, die schon seit drei Tagen vor der Kaserne Wache halten, damit sich ein solcher Überfall nicht wiederholt.

          Ununterbrochen im Einsatz

          Die Beschützer sitzen in zwei selbstgebauten kleinen Hütten aus Blech und Holz gegenüber dem Tatort und rauchen. Sie gehörten zur Gruppe „Rechter Sektor“, erzählt Roman, die anderen sind von der ukrainischen nationalistischen Bewegung „Swoboda“ und von den „Veteranen Afghanistans“. Seit in der Nacht zum Mittwoch in Lemberg drei Polizeiwachen, die Generalstaatsanwaltschaft und eine andere Berkut-Kaserne überfallen, verwüstet und geplündert wurden, sind Hunderte solcher Selbstverteidigungseinheiten ununterbrochen im Einsatz.

          Sie hätten nichts zu verbergen, sagen sie, und wollen trotzdem lieber nicht mit vollem Namen und Bild in die ausländische Presse kommen. Es waren bei den Überfällen viele Waffen verschwunden und Akten vernichtet worden. Autos auf den Straßen davor wurden angezündet. Zwei verkohlte Karossen, die auf dem Dach liegen, sind noch übrig geblieben.

          Nach dem Zwischenfall hatte der Bürgermeister von Lemberg, der als liberal geltende Andrij Sadowyj, der schon von Anfang an auf der Seite der Protestierenden stand, die Bürger dazu aufgerufen, sich zu organisieren und nachts die Stadt zu sichern. Derselbe Sadowyj hatte die Polizei schon vor Wochen den örtlichen Majdan nicht räumen lassen – und an diesem Freitag kamen gar Meldungen, dass Polizisten aus Lemberg auf dem Kiewer Majdan an der Seite der Protestierenden stehen.

          Kein Abenteuerspielplatz für Halbwüchsige

          Die Aufrufe in Lemberg zur Verteidigung der Stadt schallen in diesen Tagen sogar aus den öffentlichen Lautsprechern auf dem zentralen Boulevard. Sadowyj hat alle Eltern dazu angehalten, ihre Kinder spät am Abend nicht mehr auf die Straße zu lassen. Die Selbstverteidigung soll kein Abenteuerspielplatz für Halbwüchsige werden. Nachts sieht man auf dem Majdan von Lemberg dennoch recht junge Männer mit dünnen Stöcken bewaffnet in Reih und Glied vor Kommandanten des „Rechten Sektors“ antreten.

          Sechs offizielle Zentren der Stadtverwaltung sollen die Bürgerpatrouillen kontrollieren und koordinieren, aber Gruppen wie der „Rechte Sektor“ haben in den Wochen des Protests längst ihre eigenen Hierarchien und Methoden entwickelt. „Wir haben eine Menge gute Leute, die freiwillig ihre privaten Autos auf unseren furchtbaren Straßen kaputtfahren und ihr Benzin ausgeben für die gute Sache“, sagt Andrij stolz.

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