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Ukraine : Die Schlacht in der Werchowna Rada

So die Variante der Macht. Folgt man dem jungen Abgeordneten von der „demokratischen Opposition“, der die Reste seines Kopfwehs zusehends überwindet und mit seinen Kampfskizzen jetzt ganz Feuer und Flamme ist, trifft zumindest der Anfang der Erzählung zu: „Ja, wir haben die Stimmmaschinen unbrauchbar machen wollen, und wir haben die Sitzreihen dann mit einer riesengroßen ukrainischen Flagge bedeckt.“ Was solle man denn sonst tun? Was bleibe übrig als Kampf, wenn die „Banditen“ systematisch die Verfassung brächen und die Demokratie verrieten? Dass aber die „Demokraten“ die Prügelei begonnen hätten, das sei schlicht Verleumdung.

Die Verratstheorie greift schnell um sich

Vielmehr sei es folgendermaßen gewesen: „Wir hatten unsere Stimmmaschinen verstopft und mit der Fahne bedeckt. Wir glaubten den Tag schon gewonnen, als wir plötzlich wahrnahmen, wie ein Trupp des Gegners sich auf der Höhe des Präsidiums zusammenrottete, genau an dem Punkt, den man halten muss, um von oben einen erfolgreichen Angriff zu führen. Ehe wir reagieren können“ – der junge Mann malt einen Pfeil in den Schlachtplan, direkt in das Tortenstück zur Rechten –, „haben sie sich in unsere Reihen gestürzt. In Sekunden kämpft der Stoßtrupp sich in unsere Mitte vor“ – der Stift schraffiert die kritische Zone – „und besetzt einen Brückenkopf. Dann“ – weitere Pfeile auf dem Diagramm – „greifen die Unseren ein. Ich sehe etwas fliegen, etwas detoniert zwischen meinen Beinen, Rauch steigt auf, Sirenen heulen. Ich sehe, wie sie einen der Unseren packen, drei Mann, zwei an je einem Arm und einer am Genick, und ihm in die Nieren boxen – von hinten, damit er nicht sieht, wer es war.“

Der Blitzsturm in die Sitzreihen der Opposition hat offenbar Erfolg gehabt. Parlamentspräsident Litwin verkündete jedenfalls in einem Hagel von Eiern (rohen, wie in den Reihen der Opposition versichert wird, weil der Präsident, ein sehr schöner älterer Herr, unter Verschmutzungen intensiv leide) am Ende, 236 Stimmen seien für die Ratifizierung des Gas- und Flottenabkommens zusammengekommen.

Wie das möglich war, da doch die Stimmgeräte kaputt waren? Der junge Volksvertreter mit dem rubinroten Drink, Kämpfer der „demokratischen Kräfte“, hat nur eine Erklärung: Abermaliger Verrat müsse im Spiel sein. „Wieder hat die Macht Geld kreisen lassen, und einige von uns“ – zweifellos die Inhaber der Sitze, die jener Stoßtrupp so zielstrebig eroberte – „haben ihre Stimmgeräte trotz aller Beteuerungen nicht sorgfältig genug verkleistert. So konnte also der Feind von dort aus abstimmen und gewinnen.“ Die Verratstheorie griff übrigens nach der Schlacht in Kiew schnell um sich. Wieso, fragt die Opposition, hatten die Männer der Macht Regenschirme dabei, um den empfindlichen Anzug des Parlamentspräsidenten zu schützten? Es gibt nur eine Erklärung: Julijas Eierplan war vor der Schlacht verraten worden.

Und die Lehren der Niederlage? „Wir hatten eine gebrochene Nase in der Fraktion und eine Gehirnerschütterung“, sagt der junge Mann, dessen Drink zur Neige geht. „Manche sagen, zur nächsten Debatte sollten wir Pistolen mit Gummigeschossen mitbringen.“ Andere meinten, das widerspreche parlamentarischer Kultur, da gebe es Grenzen. Grenzen? „Ja“, sagt der Abgeordnete und erhebt sich unter den aufmerksamen Augen der schlanken Bedienung. „Zum Beispiel darf man im Parlament keine Frau schlagen. Wenn jemand das täte, würde ihm keiner mehr die Hand geben. Für ein paar Tage.“ Der Chauffeur hat den Motor angelassen. Der Volksvertreter schlägt die Tür seines BMW zu, rote Rücklichter verschwinden in der Nacht.

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