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Ukraine : Der jüdische Kommandant vom Majdan

Antisemitismus habe im Wahlkampf keine Rolle gespielt

Wer verstehen will, wieso renommierte Forscher und Menschenrechtler Warnungen vor zweifellos existierenden nationalistischen Minderheit in der ukrainischen Protestbewegung als „Panik-Aussagen“ abtun, sollte Josef Sissels besuchen, den Vorsitzenden des Vereins Jüdischer Gemeinden und Organisationen in der Ukraine, der zugleich stellvertretender Vorsitzender des „World Jewish Congress“ ist. Sissels ist weit davon entfernt, die Rolle der Nationalisten auf dem Majdan zu bestreiten oder die judenfeindliche Vergangenheit von Tjahnyboks „Swoboda“ zu leugnen. Er weist aber darauf hin, dass die „Swoboda“ von heute nicht mehr die Partei sei, die sie vor zehn Jahren war. Vieles, sagt er, habe sich hier zum Besseren verändert. Zwar gebe es immer noch einzelne Neonazis bei „Swoboda“, aber das Parteiprogramm sei von antisemitischen Inhalten längst gesäubert worden, und in den vorigen Wahlkämpfen habe das Thema keine Rolle mehr gespielt. Die letzte dokumentierte judenfeindliche Äußerung des Parteivorsitzenden Tjahnybok stamme aus dem Jahr 2004.

Zusätzlich weist Sissels darauf hin, dass parallel zu dieser Neuorientierung der Rechten die Zahl antisemitischer Vorfälle in der Ukraine zuletzt schnell abgenommen und im vergangenen Jahr bei der beispiellos niedrigen Ziffer von 13 Fällen gelegen habe. Zum Vergleich: In Deutschland wurden nach vorläufigen Angaben des Innenministeriums im gleichen Zeitraum 788 antisemitische Straftaten registriert. „Wir erleben heute das Minimum des Antisemitismus der vergangenen 20 Jahre“, sagt Sissels.

Die alte Feindschaft habe sich „ins Gegenteil verkehrt“

Nationalismus ist in der Ukraine eben nicht automatisch zugleich auch Antisemitismus. Die Gründe dafür sind in Sissels’ Biographie erkennbar: Vor der Unabhängigkeit, als die Ukraine noch zur Sowjetunion gehörte, war er als Angehöriger der Ukrainischen Helsinki-Union für Menschenrechte zweimal für Jahre im Straflager. Im Untergrund gegen die Moskauer Diktatur ist er, der jüdische Dissident, damals auch mit Vertretern der ukrainischen Nationalbewegung zusammengekommen – und das, wie er sich heute erinnert, immer in Respekt und Freundschaft. Manche Männer, die er damals traf, sind später zu wichtigen Autoritäten der ukrainischen Nationalbewegung geworden – etwa der 1999 unter unklaren Umständen ums Leben gekommene Wjatscheslaw Tschornowil oder Miroslaw Marinowitsch, der heute an der Ukrainischen Katholischen Universität in Lemberg (Lwiw) lehrt. Die alte Feindschaft zwischen Juden und ukrainischen Nationalisten habe sich damals im Kampf gegen den „gemeinsamen Feind“ Sowjetunion bei vielen „ins Gegenteil verkehrt“. Heute, sagt Sissels, gebe es in der ukrainischen Nationalbewegung, von Einzelfällen abgesehen, „keinen ernsthaften Antisemitismus“ mehr.

Nachts ist Ruben wieder auf Patrouille gewesen, den Bart unter der Maske. Er hat sich per Blinksignal angekündigt, und wenn das Signal zurückkam, hat er die Posten inspiziert. Er hat hier etwas verbessert, dort etwas angemahnt – und dann ist er nach kurzer Umarmung weitergegangen, zusammen mit Kostja und Oleg, seinen jüdischen Mitkämpfern. „Ich habe keine Probleme mit den Soldaten von der Rechten“, sagt er. „Sie nennen mich ,Bruder‘, und ich sie auch.“ Jeder hier wisse, dass er Jude sei, jeder wisse, dass er den Sabbat einhalte, aber für die Männer hier ist er trotzdem einfach der Kommandeur vom Dienst. Sogar, dass er kein Schweinefleisch isst, hätten sie mittlerweile kapiert – obwohl doch nichts auf der Welt patriotischer sein kann, als am Wachfeuer zu sitzen und mit bloßer Klinge Schwarzbrot und Speck zu schneiden, den legendären ukrainischen „Salo“. Das machen die Männer dann, wenn Ruben wieder weg ist.

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