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Ukraine : Der jüdische Kommandant vom Majdan

Antisemitismus, Rassismus und Homophobie

Juden am Majdan: Ist so etwas möglich? In den vergangenen Wochen hat es Kommentare gegeben über die ukrainische Revolution, vor allem aus Moskau, die ein anders Bild malten: Eine Bande von Antisemiten sei diese Opposition, hieß es dort. Der russische Außenminister Sergej Lawrow sprach von „rassistischen Nazi-Parolen“ am Majdan, und Sergej Glasjew, ein Berater Präsident Wladimir Putins, fügte hinzu, in der proeuropäischen Protestbewegung gegen Präsident Viktor Janukowitsch seien „neofaschistische“ Gruppen, die offen „Antisemitismus, Rassismus und Homophobie“ propagierten, im Begriff, die Ukraine zum „gescheiterten Staat“ zu machen. Gegen ihren „versuchten Staatsstreich“ müsse entschieden durchgegriffen werden, wenn das Land nicht „im Chaos versinken“ solle. Vertreter des Regimes Janukowitschs in der Ukraine sangen, so gut sie konnten, die zweite Stimme. Oleksandr Feldman zum Beispiel, ein jüdischer Abgeordneter aus der regierenden „Partei der Regionen“, schickte Briefe in die Welt, in welchen er seiner „tiefen Besorgnis“ Ausdruck gab und dringend darum bat, den Schutz jüdischer Einrichtungen „deutlich zu verstärken“.

Der angebliche „Antisemitismus“ der ukrainischen Revolution ist zuletzt ein Hauptargument ihrer Gegner in Moskau gewesen. Auf den ersten Blick scheint das Argument nicht schlecht gewählt, denn in der Tat gibt die Zusammensetzung der oppositionellen Kräfte auf dem Majdan Anlass zu Fragen. Die ukrainische patriotische Rechte, die hier als eine stark sichtbare Minderheit im revolutionären Gesamtspektrum auftritt, richtet ihre stärksten Abwehrreflexe zwar im Stil einer „postkolonialen“ Befreiungsbewegung vor allem gegen die frühere Hegemonialmacht Russland. Unbestreitbar aber hat es in ihrer Geschichte auch Phasen von wildem Antisemitismus gegeben und im Zweiten Weltkrieg auch Verstrickungen in den Holocaust. Unbestritten ist auch, dass eine der drei Parteien, die heute die politische Führung der ukrainischen Opposition unter sich teilen, die „Swoboda“ (Freiheit) unter Oleh Tjahnybok, bis vor nicht allzu langer Zeit vor offen antisemitischen Äußerungen nicht zurückschreckte.

Nur ein „Vorwand für die politische Einmischung Moskaus“

Die Präsenz dieser national gesinnten Kreise am Majdan hat der Erzählung vom „antisemitischen“ Untergrund der ukrainischen Europabewegung Nahrung gegeben, und die Besorgnis stieg noch weiter, als im Januar in Kiew zwei orthodoxe Juden von Unbekannten verprügelt wurden – auch wenn die Fälle nie geklärt wurden und keiner weiß, ob die Angreifer irgend etwas mit den Protesten am Majdan zu tun haben.

Aber es gibt auch andere Stimmen, und in der Fachwelt ist die These vom „Antisemitismus“ der ukrainischen Revolution zuletzt heftig angegriffen worden. Eine Gruppe internationaler Fachleute, unter ihnen so anerkannte Autoritäten wie Andreas Umland von der Mohyla-Universität in Kiew, Gerhard Simon von der Universität Köln und Timothy Snyder aus Yale, haben in einer gemeinsamen Erklärung festgestellt, zwar gebe es in der ukrainischen Opposition durchaus rechtsradikale Kräfte, aber die starke Beachtung, welche diese Gruppen international erhielten, sei „ungerechtfertigt und irreführend“. Der „Einfluss ukrainischer Rechtsradikaler in Kiew“ werde „überbewertet“ und liefere damit nur einen „Vorwand für die politische Einmischung Moskaus, ja womöglich sogar für eine künftige militärische Intervention Russlands in der Ukraine“. Einige der renommiertesten Menschenrechtsgruppen des Landes, etwa die Ukrainische Helsinki-Union und die „Menschenrechtsgruppe Charkiw“, haben sich diesem Appell angeschlossen und dazu aufgerufen „Ruhe zu bewahren und die in den Medien verbreiteten Panik-Aussagen über die Antisemitismus-Situation im Lande kritisch zu betrachten“.

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