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Ukraine : Das dramatische Ende eines revolutionären Traumpaares

Juschtschenko, Timoschenko: Vergangene Vertrautheit Bild: dpa/dpaweb

Ihre Verbindung war von Anfang an so spannungsreich wie eine Wolkenwand vor dem Gewitter: Die ukrainische Revolutionsheldin Julija Timoschenko schildert ihr Zerwürfnis mit dem ukrainischen Präsidenten Juschtschenko.

          „Ich saß neben ihm. Ich nahm seine Hand in die meine und sagte: ,Viktor Andrejewitsch, ich beschwöre Sie, und ich finde kaum Worte, zerstören Sie nicht das Ansehen unserer Revolution! Zerstören Sie nicht die Hoffnung der Menschen auf Moral, Ehrlichkeit und Gerechtigkeit!“ So hat Julija Timoschenko am Wochenende im ukrainischen Fernsehen die letzten Augenblicke des revolutionären Traumpaars der Ukraine am Donnerstag vergangener Woche beschrieben.

          Konrad Schuller

          Politischer Korrespondent der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung in Berlin.

          Wenige Minuten nach dieser Szene trat Präsident Juschtschenko vor die Kameras und verkündete die Entlassung seiner Ministerpräsidentin sowie des Sekretärs des Nationalen Sicherheitsrates und engen Verbündeten Petro Poroschenko, eines politischen Erzfeindes der Ministerpräsidentin.

          Politisch weit auseinander

          „Lassen Sie uns zusammen vor die Kamera treten,“ hatte die Revolutionsheldin Timoschenko nach eigener Darstellung zuvor noch gesagt: „Hand in Hand! Lassen Sie uns in die Kameras sehen und sagen: So lange wir zusammen sind, ist die Stabilität der Ukraine garantiert!“ Es ist anders gekommen. Juschtschenko hat sich an diesem Vormittag nicht erweichen lassen. Er hat seine Hand aus der der Frau, deren auf traditionelle ukrainische Art geflochtener Haarkranz zu einem Symbol der orangen Revolution geworden ist, gelöst und damit eine Verbindung beendet, die von Anfang so spannungsreich war wie eine Wolkenwand vor dem Gewitter.

          Juschtschenko und Timoschenko hatten von Anfang politisch weit auseinander gelegen. Er, Ökonom und ehemaliger Zentralbankchef mit wirtschaftsliberalen Vorstellungen, suchte nach der gemeinsamen Machtübernahme im Dezember vor allem Stabilität zu schaffen, um Investitoren zu ermutigen, in die Ukraine zu kommen. Interventionen in das Wirtschaftsgeschehen lehnte er ab.

          Nichts gemeinsam außer Kutschma

          Sie dagegen, im Stil und Auftreten radikal und nach der Revolution vor allem auf die Zerstörung der alten Cliquen und Seilschaften fixiert, forcierte die Enteignung jener Oligarchen, die unter dem korrupten Regime des früheren Präsidenten Kutschma das Land unter sich aufgeteilt hatten. Umfangreiche „Reprivatisierungen“, radikale Markteingriffe, Umverteilungsrhetorik im Sinne einer populistischen Linken waren ihr Kennzeichen. Früh war klar, daß die beiden nur den Gegner Kutschma gemeinsam hatten.

          Weil sie aber ihre Unvereinbarkeit wohl früh geahnt haben, haben sie sich schon zu Oppositionszeiten die kommende Machtverteilung wechselseitig zugesichert: Viktor Juschtschenko wird Präsident, Julija Timoschenko wird Ministerpräsidentin. Um sicher zu gehen, ließ sich Timoschenko dieses Versprechen sogar schriftlich geben.

          Weitgehende Vollmachten für Poroschenko

          Nach ihrer Entlassung hat sie nun noch einmal daran erinnert, wie widerwillig Juschtschenko nach seiner Wahl seiner Zusage gefolgt ist. „Der Präsident hielt eine Menge von Gespräschen mit mir, damit ich zugunsten Poroschenkos verzichte“, sagte sie am Freitag. „Um ehrlich zu sein: ich lehnte ab.“ Juschtschenko hat damals - auch wegen jener schriftlichen Abmachung - nachgeben müssen. Um Timoschenko zu neutralisieren hat er aber Poroschenko, der ein reicher Unternehmer ist und der Financier der Revolution war, von Anfang an mit weitgehenden Vollmachten ausgestattet, so daß dessen Amt und Apparat immer mehr Züge einer Gegenregierung annahmen.

          Das Ende dieser Konstruktion kam, als vergangene Woche mehrere Politiker, die dem Lager Timoschenkos zugerechnet wurden, Poroschenko mit so schweren Korruptionsvorwürfen überzogen, daß das Parlament ihn seiner Funktionen entband und der Präsident ihn nicht mehr halten konnte. Diesen Vorstoß hat Juschtschenko als Kriegserklärung seiner eigenwilligen Ministerpräsidentin verstanden.

          Balancekonstruktion gescheitert

          Die hat die Szene der Trennung plastisch beschrieben: „Mit einem Mal stürmte Poroschenko in das Präsidentenbüro, ohne Aufforderung, ohne auch nur anzuklopfen. Er war, entschuldigen Sie, aufgeweicht in Rotz und Tränen, und schrie, man habe ihm eben seinen Parlamentssitz weggenommen, und der Block Julija Timoschenko habe die Entscheidung unterstützt... Das alles wirkte sehr komisch, ehrlich.“ Der Präsident hat unmittelbar darauf die Entlassung Timoschenkos verkündet.

          Er wußte, daß bei allem Händehalten die inhaltlichen Gegensätze zwischen ihm und Timoschenko nicht überbrückt werden konnten. Die Balancekonstruktion, an der er monatelang gebaut hatte, war mit Poroschenkos Sturz gescheitert.

          „Zwei verschiedene Teams“

          Die Entlassene hat jetzt angekündigt, zur Parlamentswahl im März 2006 mit einer eigenen Liste anzutreten. Die Erben der ukrainischen Winterrevolution haben damit ihr Kampfbündnis aufgelöst. Die unterschiedlichen Strömungen der Demokratie von rechtsliberal bis linkspopulistisch treten gegeneinander an.

          Verhandlungen über neue Bündnisse sind im Gange und reichen stellenweise sogar bis hinein in die Kreise der zu Revolutionszeiten gestürzten alten Macht. „Heute sind wir zwei verschiedene Teams“, sagt Julija Timoschenko. „Und ich glaube, jedes Team geht jetzt seinen eigenen Weg“

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