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Ukrainekrieg : Selenskyj: Ukrainer kämpfen in Sewerodonezk um „jeden Meter“

Etwa 500 Zivilisten befinden sich noch auf dem Gelände des Chemiewerks Azot, dass die ukrainischen Kräfte in Sewerodonezk weiter unter Kontrolle haben. Bild: Reuters

Laut dem Gouverneur der Region Luhansk kontrollieren die russischen Angreifer mehr als 70 Prozent des Gebiets der Stadt Sewerodonezk. Kiew konkretisiert Forderungen nach Waffenlieferungen aus dem Westen.

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          Der Generalstab der ukrainischen Armee hat am Montag den Verlust des Stadtzen­trums der schwer umkämpften Stadt Se­wero­donezk im Osten der Ukraine bestätigt. Die russischen Angreifer hätten die Stadt im Gebiet Luhansk mit Artillerie beschossen und die ukrainischen Einheiten aus dem Stadtzentrum vertrieben, hieß es in einer auf Facebook veröffentlichten Mitteilung. Der Gouverneur der Region Luhansk, Serhij Haidaj, erklärte, dass russische Truppen mittlerweile über 70 Prozent des Stadtgebiets kontrollierten. „Die Russen zerstören Stadtteil nach Stadtteil“, sagte der Gouverneur darüber, dass die Stadt in den vergangenen Wochen mit Ar­tillerieangriffen weitgehend in Schutt und Asche gelegt wurde. Eine Eroberung von Sewerodonezk dürfte Russland erheblich bei seinem Versuch voranbringen, die Kon­trolle über den kompletten Donbass in der Ostukraine zu erlangen.

          Niklas Zimmermann
          Redakteur in der Politik.

          Zuvor hatte der ukrainische Präsident Wolodymyr Selenskyj in einer Videoansprache versichert, dass die ukrainischen Verteidiger in der ostukrainischen Indus­triestadt mit den Angreifern um „jeden Meter“ Boden kämpften. Während die russischen Streitkräfte den größten Teil der Stadt eingenommen haben, kontrollieren die ukrainischen Kräfte weiter ein In­dustriegebiet und das Chemiewerk Azot. „Etwa 500 Zivilisten befinden sich noch auf dem Gelände des Azot-Werks in Sewerodonezk, darunter 40 Kinder“, erklärte Gouverneur Hajdaj.

          Brücken spielen entscheidende Rolle

          Zugleich warnte Hajdaj davor, dass eine Zerstörung der letzten intakten Brücke die Stadt von der Au­ßenwelt abschneiden würde. Dann gebe es keine Möglichkeit mehr, sie mit Fahrzeugen zu verlassen. Flussquerungen dürften in einer nächsten Phase des Krieges eine entscheidende Rolle spielen, schreibt auch das britische Verteidigungsministerium in seinem jüngsten Lagebericht.

          Die Ukraine hat unterdessen Forderungen nach umfassenden Waffenlieferungen konkretisiert, die sie nach Einschätzung der Regierung in Kiew für einen Sieg im Krieg gegen die russischen Angreifer benötigt. „1000 Haubitzen vom Kaliber 155 Millimeter, 300 Mehrfachraketenwerfersysteme, 500 Panzer, 2000 gepanzerte Fahrzeuge, 1000 Drohnen“, forderte am Montag der ukrainische Präsidentenberater Mychajlo Podoljak auf Twitter. Kiew erwarte dazu vom Treffen der NATO-Verteidigungsminister am kommenden Mittwoch in Brüssel eine Entscheidung. Die Ukraine verteidigt sich seit Ende Februar gegen eine russische Invasion. Ein Mangel an schweren Waffen und Munition er­schwert nach Angaben aus Kiew die Lage an der mehr als 2400 Kilometer langen Front zunehmend.

          Im russischen Angriffskrieg gegen die Ukraine sind nach ukrainischen Angaben bisher mehr als 12.000 Zivilisten ums Le­ben gekommen. Die meisten Opfer seien durch Explosionen getötet worden, sagte der Chef der ukrainischen Polizei, Ihor Klymenko, in einem am Montag von der Agentur Interfax-Ukraine veröffentlichten Interview. 75 Prozent der Getöteten seien Männer, zwei Prozent Kinder und die übrigen Frauen. „Es handelt sich um Zivil­bevölkerung, diese Menschen standen in keiner Beziehung zum Militär oder den Rechtsschutzorganen“, sagte Klymenko. 1200 Opfer habe man noch nicht identifizieren können. Mehr als 1500 Tote seien nach dem Abzug russischer Truppen Ende März allein im Gebiet um die Hauptstadt Kiew gefunden worden.

          Russland hat derweil nach eigenen An­gaben mit Raketenangriffen große Mengen an ukrainischen Waffen und sonstiger ukrainischer Militärausrüstung zerstört. Dazu gehörten auch einige Rüstungs­güter, die von den Vereinigten Staaten und EU-Mitgliedstaaten an die Ukraine ge­liefert worden seien, teilte am Montag das Verteidigungsministerium in Moskau mit. Russische Raketen haben demnach Ziele nahe des Bahnhofs in Udatschne im Gebiet Donezk getroffen. Bereits am Sonntag haben die russischen Streitkräfte laut eigenen Angaben ein großes Waffenlager im Westen bei Ternopil im Westen der Ukraine getroffen.

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