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Überschwemmung in Indonesien : Die neue Flut

Verheerender Monsunregen: In dem Ort Aceh sind viele Häuser abermals zerstört Bild: AFP

Zwei Jahre nachdem die tödliche Flutwelle die indonesische Provinz Aceh verwüstet hat, sind schon wieder Tausende auf der Flucht vor den Wassermassen. Der Monsunregen bedroht den auch mit deutscher Hilfe erfolgreichen Wiederaufbau nach dem Tsunami.

          3 Min.

          Das Schicksal meint es nicht gut mit den Menschen in Aceh, der westlichsten Provinz Indonesiens. Zwei Jahre nachdem die tödliche Flutwelle den vom Bürgerkrieg ohnehin gebeutelten Landstrich verwüstet hat, sind schon wieder Tausende auf der Flucht vor den Wassermassen. Menschen ertrinken, Erdrutsche reißen Häuser mit sich, Straßen verschwinden. Eine Moschee steht bis zum Dach im Wasser. Mehr als hunderttausend Menschen haben durch den diesmal besonders starken Monsunregen ihr Dach über dem Kopf verloren. Was gerade wieder aufgebaut war, versinkt in den Fluten. Der Erfolg vieler Hilfsprojekte ist bedroht. Noch ist nicht möglich, die Schäden zu bilanzieren. Aber eines scheint klar: Die rund 300 Hilfsorganisationen, von denen die meisten nächstes oder übernächstes Jahr ihre Wiederaufbauarbeit im wesentlichen abschließen wollten, müssen den Termin ihres Abzugs neu prüfen.

          Manfred Schäfers

          Wirtschaftskorrespondent in Berlin.

          Es ist wie aus einer anderen Zeit: Eine Woche vor Weihnachten schildert der Direktor der Wiederaufbaubehörde, Kuntoro Mangkusubroto, den deutschen Besuchern um Bundesentwicklungsministerin Heidemarie Wieczorek-Zeul (SPD), was sich hier getan hat. Erst die Erinnerung an das Ausmaß der Zerstörung: 120.000 vernichtete und 70.000 beschädigte Häuser, 3000 Kilometer Straßen, die unpassierbar waren, 120 verlorene Brücken, 2000 beschädigte Schulen, 100.000 vernichtete Existenzen kleiner Unternehmer. Dann die Leistungsbilanz: 57.000 fertiggestellte Häuser, 20.000 im Bau, knapp 750 Schulen sind wieder zu benutzen, mehr als 5400 Lehrer sind neu ausgebildet. 38 Prozent des auf vier bis fünf Jahre angelegten Wiederaufbaus sei gemeistert. Doch noch immer lebten 11.000 Familien in Baracken. Seine größte Sorge war, was passiert, wenn die Hilfsorganisationen weiterziehen, die bisher mit ihren Projekten die Konjunktur künstlich aufgebläht haben: „Wenn der Aufbau fertig ist, droht neue Arbeitslosigkeit.“ Deswegen müsse man versuchen, die Basis für ein dauerhaftes Wachstum zu schaffen.

          Zügiger Wiederaufbau in Aceh

          So schien Aceh das Schlimmste überstanden zu haben. Wo am 26. Dezember 2004 schätzungsweise 160.000 Menschen starben, eine halbe Million Einwohner obdachlos wurden und eine ganze Region der elementarsten Infrastruktur wie Straßen, Krankenhäuser, Stromversorgung und Wasserversorgung beraubt worden ist, pulste bis vor wenigen Tagen neues Leben. Wer nicht wußte, daß hier vor zwei Jahren der Tsunami am stärksten gewütet hatte, hätte kaum geahnt, was hier passiert ist. Allein die zahlreichen neuen Häuser, die etwas weiter weg von der Küste im tropischen Grün standen, erinnerten an die Katastrophe. Besucher, die nach einem dreiviertel Jahr nach Aceh zurückgekommen sind, zeigten sich überrascht über die Veränderung. Nachdem im ersten Jahr nach der Flutwelle nicht viel passiert war, ist anschließend der Wiederaufbau um so zügiger in Gang gekommen.

          Und nicht nur das: Durch die Katastrophe ist der Friedensprozeß beschleunigt worden. Die Regierung aus Jakarta und die Rebellen aus Aceh, die einen unabhängigen Staat durchsetzen wollten, haben sich über eine größere Autonomie der Region verständigt. Der ehemalige Rebellenführer Irwandi Yusuf, der durch den Tsunami buchstäblich aus dem Gefängnis in die Freiheit gespült worden war, ist erst vor wenigen Tagen in freien Wahlen zum neuen Gouverneur bestimmt worden.

          Hilfsorganisationen vor Ort präsent

          Durch die aktuelle Katastrophe ist auf einmal wieder akute Nothilfe gefordert. Als Glück im Unglück könnte sich erweisen, daß Hilfsorganisationen immer noch wie kaum an einem anderen Platz der Erde präsent sind. Jedes Land hatte seine Projekte: Japan half beim Wiederaufbau der Universitätsbibliothek, Kuweit bei der Wasserversorgung, neben Deutschland engagierten sich auch die Türkei, das Sultanat Brunei und Kanada beim Hausbau, die Amerikaner rekonstruierten Straßen, die Holländer und Australier bauten Häfen.

          Die Hilfswerke in den betroffenen Gebieten werden in den Geberländern über die neue Lage berichten. Die bisher von der internationalen Gemeinschaft für Aceh zugesagten Mittel von 5,9 Milliarden Dollar reichen jedoch nur, um die durch den Tsunami angerichteten Schäden zu beseitigen. Deutschland hat erst vor wenigen Tagen seine für Indonesien vorgesehenen Mittel aus dem insgesamt 500 Millionen Euro schweren Tsunami-Paket um 20 auf 186 Millionen Euro erhöht - bevor die neue Flut anrollte. Jetzt muß überall neu kalkuliert werden.

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