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Überfall auf Blogger in Moskau : Wer ist Jegor Schukow?

Jegor Schukow (Mitte) im Dezember 2019 nach einem Prozess gegen ihn in Moskau Bild: Picture-Alliance

Er ist erst 22 Jahre alt. Und doch gilt Jegor Schukow jetzt schon als mögliche Führungspersönlichkeit der Oppositionsszene in Russland. Am Sonntag wurde er überfallen und zusammengeschlagen.

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          Jegor Schukow war sich sicher: Der Grund für den Giftanschlag auf Alexej Nawalnyj sei Vergeltung für dessen politische Aktivität, sagte er im Radiokanal der Zeitung „Komsomolskaja Prawda“; und wenn die Machthaber hinter dem Verbrechen steckten, so werde es, wie im Fall des 2015 ermordeten Boris Nemzow, nicht aufgeklärt werden. Am Sonntagabend ist Schukow dann selbst vor seinem Wohnhaus in Moskau überfallen und zusammengeschlagen worden. Er musste ins Krankenhaus gebracht werden, wo eine Gehirnerschütterung festgestellt wurde. Anfängliche Befürchtungen, er könne sogar ein Schädeltrauma und innere Blutungen erlitten haben, bestätigten sich zum Glück nicht.

          Kerstin Holm

          Redakteurin im Feuilleton.

          Schukow ist zwar erst 22 Jahre alt, aber gilt schon als eine potentielle Führungspersönlichkeit der Oppositionsszene in Russland – das gilt nun umso mehr, als Nawalnyj, der bekannteste Oppositionsführer, nach dem Giftanschlag im sibirischen Tomsk in Berlin im künstlichen Koma liegt und unklar ist, wann er wieder aktiv sein kann.

          Bei den Protesten gegen die mutmaßlichen Fälschungen der Wahl zum Moskauer Stadtparlament im Herbst vorigen Jahres ist Schukow festgenommen und zu einer dreijährigen Bewährungsstrafe verurteilt worden.

          Nawalnyj war in Schukows Sendung zu Gast

          Als brillanter Politikstudent der Moskauer Wirtschaftshochschule führte Schukow schon vorher einen populären Youtube-Blog, der von den Behörden für „extremistisch“ befunden und verboten wurde. Jetzt leitet der äußerst schlagfertige Schukow beim kremlkritischen Radiosender „Echo Moskwy“ die Gesprächssendung „Der Ihre auf Bewährung“. Der Chefredakteur des Senders, Alexej Wenediktow, hatte sich für ihn verbürgt.

          Unter Schukows Gästen war vor einigen Wochen auch Nawalnyj, dem Schukow seine kritische Bewunderung aussprach. Im Gegensatz zu den in ihrer Mehrzahl sozialliberal gesinnten Moskauer Aktivisten positioniert Schukow sich als radikal Libertärer, hat jedoch auch erklärt, er wolle sich seinen „jugendlichen Maximalismus“ bewahren.

          Schukow hat mehrmals berichtet, seit den Protesten im vergangenen Herbst, bei denen er eine aktive Rolle spielte, werde er ständig bedroht. Der Sprecher seines Teams, Stas Toporkow, berichtet jetzt, es gebe Hinweise darauf, dass Schukow systematisch beschattet werde.

          Erst Ende Juli war er vor seinem Haus überfallen worden, damals konnte er jedoch fliehen. Am Sonntag kehrte er von der Aufzeichnung einer Youtube-Sendung des oppositionellen Moskauer Stadtpolitikers Maxim Katz nach Hause zurück, in der beide über die Proteste in Belarus diskutierten.

          Schukow nannte in der Sendung die belarussischen Demonstrationen ein Lehrbeispiel für alle, die mit friedlichen Mitteln demokratische Veränderungen erreichen wollten. Ein moderner friedlicher Protest sei eine Art von Belagerung, sagte Schukow. Wenn man mit dem Kopf gegen die Wand schlage, dann werde die Wand gewinnen. Die Kunst des friedlichen Protests liege aber darin, die Kraft eines Schwergewichtboxers wie Mike Tyson durch kluges Schachspiel zu besiegen.

          Am Sonntagabend war dann Schukow selbst durch schwere Faustschläge außer Gefecht gesetzt worden, zwei Männer hatten ihn zu Boden geworfen und auf den Kopf des Liegenden eingedroschen. Dann entkamen die beiden auf E-Rollern, berichtete Schukow. Die Polizei hat ein Strafverfahren eingeleitet. Der Pressesprecher von Präsident Putin, Dmitrij Peskow, erklärte, er hoffe, die Täter würden bald gefasst und bestraft.

          Unterdessen habe die Moskauer Wirtschaftshochschule ihn aus ihrem Postgraduiertenprogramm für Filmregie ausgeschlossen, und zwar unmittelbar nachdem er dort eingeschrieben worden sei, berichtet Schukow. Eine Mitarbeiterin der Aufnahmekommission habe ihm verraten, er sei „auf Anordnung von oben“ exmatrikuliert worden, so Schukow. Die Hochschulleitung bezeichnet das als Falschnachricht und meldet, der Filmlehrgang sei aus von der Universität unabhängigen Gründen nicht zustande gekommen. Nachdem bei den Moskauer Protesten sich die Studenten der Wirtschaftshochschule besonders hervortaten, wurden neue Regeln erlassen, wonach Jungakademiker bei politischen Aktivitäten die Hochschule nicht nennen dürfen.

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