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Britischer Außenminister : Der unbekannte Bekannte

Der Mann, der als Junge Weltkönig werden wollte: britischer Außenminister Boris Johnson Bild: dpa

Der britische Außenminister Johnson, heißt es, habe das Königreich aus der EU geführt. Dafür hat er nun viel Spott und Misstrauen geerntet. Das Porträt eines intellektuellen Spielers, der Weltkönig werden wollte.

          7 Min.

          Am Tag nach dem Anschlag in Berlin trat Boris Johnson aus dem Foreign Office und sah aus wie ein richtiger Außenminister, mit Krawatte und halbwegs geordneten Haaren. Er sprach auch wie ein Staatsmann, äußerte sein Mitgefühl, bot britische Hilfe an und verkniff sich jede unangemessene Bemerkung. Hat Johnson die Kurve gekriegt? Ist der umstrittenste Minister des Vereinigten Königreichs nach gut fünf Monaten im Amt angekommen? Andererseits: Kann einer wie Johnson je ankommen, irgendwo?

          Jochen Buchsteiner

          Politischer Korrespondent in London.

          Das Schicksal Großbritanniens, so lautet eine Legende, habe sich nicht am 23. Juni entschieden, dem Tag des EU-Referendums, sondern vier Monate davor, am 22. Februar. An diesem Montag war, wie damals jede Woche, Johnsons Kolumne im „Daily Telegraph“ erschienen, und diesmal hatte sie es in sich. Nach monatelangen Spekulationen, welcher Seite sich der populäre Politiker annähern würde, machte Johnson einen großen Sprung: „Es gibt nur einen Weg, um den Wandel zu bekommen, den wir wollen: ein Votum für den Abschied von der EU.“

          Für viele ist Boris Johnson der Mann, der das Königreich aus der Europäischen Union geführt hat. Wenn das so wäre, müsste er sich das zweifelhafte Verdienst mit Nigel Farage teilen, dem langjährigen Chef der EU-feindlichen Ukip, den das amerikanische „Time Magazine“ Anfang des Monats zum Briten des Jahres 2016 erklärte. Beide hatten Anteil am Brexit, aber es gibt einen Unterschied. Von Farage hatte man nichts anderes erwartet; er vertrat immer nur einen kleinen, manche würden sagen: randständigen Teil der Briten. Von Johnson war man enttäuscht, jedenfalls im Lager der EU-Freunde. Er war der Mann aus der Mitte. Er hatte den Ausschlag gegeben.

          Egozentrik, Narzissmus und Größenwahn

          Lange Zeit rang Johnson öffentlich um seine Haltung zu Brüssel, jedenfalls gab es das vor, und stellte damit einen inneren Kampf zur Schau, den auch andere mit sich austrugen. Er bot den Briten eine Projektionsfläche, auch mit seinen atemberaubenden Wandlungen. In nur zwölf Monaten wurde Johnson vom Sympathieträger zum Populisten, zum Überraschungssieger, zum Verratenen, zum Fahnenflüchtling, zum Comeback-Mann. Kaum jemandem gelingt es, in diesen öffentlichsten aller Politiker hineinzublicken. Seit langem wird er auf Schritt und Tritt beobachtet, politisch durchleuchtet, psychologisch vermessen, aber niemand traut sich vorauszusagen, wo Johnson in nur einem Jahr stehen wird. Er ist der alte Bekannte, den niemand kennt. In dieser Hinsicht ähnelt er seiner Nation, die in diesem Jahr die ganze Welt verblüfft hat.

          Eine Äußerung, die Johnson verfolgt, fiel in Kindertagen. Seine Schwester Rachel verriet sie vor einigen Jahren der BBC. Wann immer ihr älterer Bruder gefragt worden sei, was er einmal werden wolle, habe der geantwortet: Weltkönig. Herrlich viel lässt sich daraus ableiten: Egozentrik, Narzissmus, Größenwahn. Aber auch Originalität und Ambition. Nie war Johnson etwas groß genug, nichts schien unerreichbar. Er ging auf Englands traditionsreichste Privatschule (Eton) und dann auf Englands berühmteste Universität (Oxford). Dort trat er dem exklusivsten Club bei (Bullingdon) und beschäftigte sich mit dem Erhabensten, das die Wissenschaft zu bieten hat: mit den alten Griechen.

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