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TV-Duell für Tory-Vorsitz : „Wo ist Boris?”

Präsentierten sich gegenseitig ihre Argumente: Jeremy Hunt und Rory Stewart bei der TV-Debatte am Sonntagabend. Bild: Reuters

In einer lebendigen Debatte stellen die Kandidaten für den Vorsitz bei den britischen Konservativen unter Beweis, wie groß das Arsenal präsentabler Politiker der Tory-Partei noch ist. Boris Johnson bleibt der Runde fern – und ein anderer sticht heraus.

          „Wo ist Boris?”, fragte Außenminister Jeremy Hunt, aber abgesehen von dem leeren Pult, das der Fernsehkanal Channel 4 im Studio aufgestellt hatte, fiel das Fehlen des Favoriten kaum auf. Die letzten fünf Kandidaten, die (neben Boris Johnson) noch im Rennen um die Nachfolge Theresa Mays sind, führten am Sonntagabend eine lebendige Debatte, die unter Beweis stellte, wie groß das Arsenal präsentabler Politiker der in der in die Krise gerutschten Tory-Partei noch ist.

          Jochen Buchsteiner

          Politischer Korrespondent in London.

          Der Brexit spielte natürlich die Hauptrolle, aber beileibe nicht die einzige. Deutlich wurden auch die Prioritäten, die die Anwärter für die Zeit nach dem Austritt aus der Europäischen Union haben und ihre persönlichen Antriebe. Dabei stach vor allem Rory Stewart hervor, der erst vor kurzem (als Entwicklungshilfeminister) ins Kabinett kam, und sich in den vergangenen Wochen von einem Außenseiter zu einem Favoriten für „Platz zwei“ entwickelt hat. Johnson, für den sich schon 114 Abgeordnete ausgesprochen haben, liegt in den andauernden Fraktionswahlen so weit vorne, dass ihm der erste Platz auf der Liste für die Urwahl kaum noch nehmen ist; er sagte, wohl auch deshalb, nur die Teilnahme an der BBC-Debatte an diesem Dienstag zu. Es kommt darauf an, wer in der Urwahl „gegen Boris“ antritt.

          „Es gibt keinen besseren Deal von der EU“

          In unterschiedlichen Schattierungen teilten vier der fünf Kandidaten Johnsons Brexit-Kurs. Bis auf Stewart wollen alle das Austrittsabkommen mit der Europäischen Union nachverhandeln und dafür die Option eines „No-Deal Brexit“ als Druckmittel einsetzen. Der frühere Brexit-Minister Dominic Raab präsentiert sich als der Falke, der nicht einmal die Auflösung des Parlament ausschließen würde, sollte dieses einen ungeregelten Brexit verhindern wollen. Die anderen – Hunt, Umweltminister Michael Gove und Innenminister Sajid Javid – wollen nicht so weit gehen und glauben das Unterhaus auch so von ihrem Kurs überzeugen zu können. Nur Stewart sagte: „Es gibt keinen besseren Deal von der EU“. Er möchte die Lösung in Westminister finden – notfalls mit einer paritätisch besetzten „Bürgerversammlung“, die dem zerstrittenen Parlament einen Kompromissvorschlag vorlegt.

          Stewart ist ein überzeugter „Remainer“, der eine Umkehr des Brexit-Votums für schädlich hält. Er sieht darin weder einen Gewinn für die demokratische Kultur Britanniens noch für Brüssel. Er ist so überzeugt von einem Dialog über die Gräben hinweg, dass er am Sonntag sogar Nigel Farage eine Zusammenarbeit angeboten hat. Mit dessen Brexit Party, die derzeit die Umfragen anführt, vertrete Farage einen wichtigen Teil der Gesellschaft, sagte Stewart, und den werde er als Parteichef und Premierminister in einen Kompromiss miteinbeziehen. Wie das funktionieren soll, ist unklar, aber mit seiner leidenschaftlichen Ernsthaftigkeit und seiner nachdenklichen Integrität verzaubert Stewart sein Publikum.

          Zum Schluss der neunzig Minuten warben noch einmal alle Anwärter mit persönlichen Argumenten für ihre Kandidatur. Hunt, der bei der ersten Abstimmung die meisten Stimmen nach Johnson erhalten hatte, empfahl sich als erfolgreicher Unternehmer, Gove mit seiner Bilanz in verschiedenen Ministerressorts, Raab mit der Entschlossenheit, den Brexit „komme was wolle“ durchzuziehen, und Javid mit seinem Hintergund als Einwanderer-Kind. Stewart sagte nur: „In meiner Kampagne geht es darum, die Wahrheit zu sagen.“ Die kommende Woche, in der die Fraktion das Feld der Sechs auf Zwei reduzieren wird, könnte noch eine Überraschung bereithalten. 

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