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Turkstream-Gasleitung : Energieversorgung von Putins und Erdogans Gnaden

Russisches Öl für alle: Putin, Erdogan, der serbische Präsident Vucic (vierter von Rechts) und der bulgarische Ministerpräsident Borissov in Istanbul. Bild: EPA

Durch die Gasleitung Turkstream weiten Moskau und Ankara ihren Einfluss in Südosteuropa erheblich aus. Leidtragender ist vor allem die Ukraine. Doch auch die EU ist besorgt.

          7 Min.

          Am Mittwoch haben Wladimir Putin und Recep Tayyip Erdogan in Istanbul ein Gasleitungsprojekt eröffnet, das auch für Europa von großer Bedeutung ist. Es wird nicht nur die Türkei unter Umgehung der Ukraine mit noch mehr Gas aus Russland versorgen, sondern zudem den Einfluss Moskaus und Ankaras auf die Energieversorgung Südosteuropas erheblich vergrößern: Die Gasleitung Turkstream führt unter dem Schwarzen Meer hindurch von Russland in den Nordwesten der Türkei, wo sie unweit von Istanbul an Land kommt. Von dort aus versorgt Turkstream nun die türkische Millionenmetropole sowie die westlichen Gebiete der Türkei. Ein weiterer Strang führt nordwestwärts auf den Balkan. Seit Jahresbeginn wird bereits Bulgarien mit Turkstream-Gas beliefert, Serbien soll im Mai oder spätestens im Oktober Anschluss finden, Ungarn etwas später. Serbiens Präsident Aleksandar Vucic und der bulgarische Regierungschef Boyko Borissow nahmen am Mittwoch ebenfalls an der Eröffnungszeremonie in Istanbul teil. Auch Griechenland, Nordmazedonien und Bosnien-Hercegovina (beziehungsweise die bosnische Serbenrepublik) haben Interesse an dem russisch-türkischen Projekt bekundet. Kommt es zu allen geplanten Erweiterungen, könnte die Turkstream-Leitung ein Einzugsgebiet von Staaten mit insgesamt mehr als 120 Millionen Einwohnern umfassen.

          Gerhard Gnauck
          Politischer Korrespondent für Polen, die Ukraine, Estland, Lettland und Litauen mit Sitz in Warschau.
          Michael Martens
          Korrespondent für südosteuropäische Länder mit Sitz in Wien.
          Katharina Wagner
          Wirtschaftskorrespondentin für Russland und die GUS mit Sitz in Moskau.

          Dass Putin mit Erdogan, sofern der nicht gerade einen russischen Kampfflieger über Syrien abschießen lässt, gern Geschäfte macht, hat Russlands Präsident schon mehrfach beteuert. So im Mai vergangenen Jahres, als er sagte, mit den Türken arbeite es sich einfach leichter als mit den Europäern: „Erdogan hat entschieden und es gemacht. Und hier braucht man 27 Staaten, um zu einer Einigung zu kommen. Und jahrelang kauen wir Kaugummis und nichts passiert. Das ist ein Trauerspiel. Aber die EU ist unser wichtigster Handelspartner.“ Der Einflussgewinn, der Russland und der Türkei aus dem neuesten Projekt vor der Haustür der EU erwächst, zeigt sich besonders deutlich in Serbien. Dort kann der russische Energiekonzern Gasprom seine marktbeherrschende Stellung durch den Anschluss des serbischen Gasleitungsnetzes an Turkstream weiter ausbauen. In Serbien wird Turkstream von „Gastrans“ betrieben, einem Joint Venture von Gasprom und dem staatlichen Gasunternehmen Srbijagas. Die Partner setzen auf völlige Marktkontrolle und Abschottung gegenüber der Konkurrenz. Das gilt nicht nur für den Verkauf und die Durchleitung, sondern auch für die Speicherung von Gas. Das einzige serbische Untergrund-Gasdepot gehört mehrheitlich Gasprom Germania, einer Tochterfirma von Gasprom Export.

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