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Tunesien : Erster jüdischer Minister in einem arabischen Land

Rene Trabelsi (rechts) mit dem Großmufti von Tunesien Bild: AFP

Tunesiens Ministerpräsident erregt Aufsehen: Er ernennt das erste jüdische Kabinettsmitglied in einem arabischen Staat. Für René Trabelsi gibt es viel zu tun.

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          Mit einem personellen Befreiungsschlag versucht Ministerpräsident Youssef Chahed die Krise zu beenden, welche die tunesische Politik seit Monaten lähmt. An diesem Montag soll das Parlament in Tunis über sein neues Kabinett abstimmen. Chahed will fast die Hälfte der Regierungsmitglieder austauschen. Besonders eine Personalie erregt dabei außerhalb von Tunesien Aufsehen: Der neuen Regierung in Tunis soll der einzige jüdische Minister in der arabischen Welt angehören. Mit dem neuen Tourismusminister René Trabelsi beweist das nordafrikanische Land ein weiteres Mal, dass es anders und offener ist als der Rest der Region.

          Hans-Christian Rößler

          Politischer Korrespondent für die Iberische Halbinsel und den Maghreb mit Sitz in Madrid.

          Das hat Tradition. Kaum war Tunesien 1956 unabhängig geworden, ernannte Präsident Habib Bourguiba zwei jüdische Kabinettsmitglieder. Anders als in den meisten arabischen Staaten lebt in Tunesien bis heute noch eine kleine jüdische Gemeinde, in der René Trabelsi eine wichtige Rolle spielt. Der 55 Jahre alte Inhaber eines Reisebüros gehört zu den Organisatoren der jüdischen Pilgerfahrt nach Djerba. Die jahrhundertealte Synagoge La Ghriba ist das jüdische Zentrum Tunesiens und zugleich das wichtigste Heiligtum der nordafrikanischen Juden.

          Tausende Juden pilgern jedes Frühjahr in die Synagoge, unter ihnen auch Hunderte Israelis. Viele Touristen, die auf der Mittelmeerinsel Urlaub machen, besuchen das ganze Jahr über das historische Gebäude, auf das die Terrororganisation Al Qaida vor 16 Jahren einen Anschlag verübte: Unter den 19 getöteten Urlaubern waren 14 Deutsche. Auf Djerba leben heute die meisten der gut 1500 tunesischen Juden. Früher waren es mehr als 100.000. Doch nach der Staatsgründung Israels begann auch in den Maghreb-Staaten der große Exodus nach Israel und Frankreich. René Trabelsi erinnert gerne daran, dass die Vorfahren der tunesischen Juden sich schon vor mehr als 2000 Jahren auf Djerba niederließen. Er selbst stammt aus einer angesehenen Familie. Sein Vater stand der jüdischen Gemeinde und der Ghriba-Synagoge vor.

          Doch sofort nach seiner Nominierung musste sich Trabelsi des Vorwurfs erwehren, er sei in Wirklichkeit Israeli. Das „Komitee zum Widerstand gegen die Normalisierung mit dem zionistischen Gebilde“, wie Israel von seinen Feinden genannt wird, kündigte eine Klage an. Er sei stolz darauf, ein Tunesier zu sein, sagte Trabelsi in einem Interview. Nun wolle er seinem Land, dem er viel verdanke, auch etwas zurückgeben. Der Vater von drei Kindern hatte in Frankreich Wirtschaftswissenschaften studiert und danach in seiner Heimat ein Reisebüro gegründet, das jedes Jahr mehrere hunderttausend Franzosen nach Tunesien bringt. Die tunesische Wirtschaft kommt seit dem friedlichen Umsturz im Jahr 2011 nicht richtig in Gang. Umso bedeutsamer ist der Tourismus als wichtigster Devisenbringer.

          Doch die dschihadistischen Attentate in Tunis und Sousse vor drei Jahren bedeuteten einen schweren Rückschlag – sie galten ausländischen Touristen, nicht der jüdischen Minderheit. Erst zögerlich kehrten die Urlauber danach wieder zurück; in diesem Jahr waren es schon sechs Millionen. Doch der jüngste Selbstmordanschlag im Zentrum von Tunis zeigte, dass die Terrorgefahr noch immer nicht gebannt ist.

          Für Trabelsi gibt es viel zu tun, doch wahrscheinlich wird das neue Kabinett nicht lange regieren. Im nächsten Jahr stehen Parlaments- und Präsidentenwahlen an.

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