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Tunesien und die arabische Welt : Das tunesische Beispiel

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Vorbilder: Ausgerüstet mit einer tunesischen Flagge stehen Demonstranten vor dem Regierungspalast in Tunis Bild: AFP

Die jüngsten Ereignisse in Tunesien sind historisch zu nennen: in einer Welt, in der das Gesetz durch Jahrtausende religiös geprägt war und Ideen von Herrschaft bis nach Babylonien zurückreichen, ist ein Aufstand des Volkes für mehr Demokratie ein absolutes Novum. Die Nachbarvölker horchen auf.

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          Die Araber, so ist oft zu hören, seien für die Demokratie wenig geeignet, sie bedürften einer harten Hand. Manche von ihnen sagen das sogar selbst. Auch sei der Islam ein unüberwindliches Hindernis auf dem Weg zu einer Demokratisierung der Gesellschaft. Und tatsächlich: nicht einer der arabischen Staaten - der Libanon vielleicht ausgenommen - hat bis heute demokratische Strukturen, die diesen Namen verdienen, hervorgebracht. Das religiöse Gesetz der Scharia, das die letzten tausend Jahre arabischer wie islamischer Geschichte stark geprägt hat, steht als göttlich inspirierte Ordnung Demokratie und Volkssouveränität entgegen; und die politischen Traditionen, die man unter dem Namen einer „orientalischen Despotie“ (Karl Wittfogel) zusammengefasst hat, sind sogar noch wesentlich älter: Sie gehen bis auf die Großkönige Babyloniens und Assyriens sowie Ägyptens Pharaonen zurück. Da ziehen viele eine Linie der Kontinuität von damals bis heute.

          Die jüngsten Ereignisse in Tunesien sind indessen historisch zu nennen, weil dieser Umsturz weder im Namen der Religion noch im Namen des arabischen Nationalismus unternommen wurde. Auch war er keiner der klassischen Militärputsche, an denen es nicht gebricht in der Geschichte der arabischen Völker, auch wenn die Armee durch ihre demonstrative Zurückhaltung nicht unbeteiligt war. Es war auch kein Staatsstreich von oben, wie in Ägypten im Jahre 1952, als das Militär den korrupten König Faruk ins Exil schickte und selbst die Macht ergriff. Zum ersten Mal in der Geschichte Nordafrikas und des Vorderen Orients kam es zu einer erfolgreichen Volkserhebung, die in ihrem Ablauf an ähnliche Ereignisse in der europäischen Geschichte erinnert. Das Volk verlangte einfach, ernst genommen zu werden und forderte die Befriedigung elementarster menschlicher Bedürfnisse: Freiheit, Schutz vor staatlicher Bevormundung, Willkür, Unterdrückung und Arroganz, materielle Besserstellung, dazu Meinungs-Pluralismus und Freiheit der Presse.

          „Wir wollen leben wie ihr“

          Neu ist auch, dass dies alles ohne eine führende Figur vonstatten ging, ohne einen oder mehrere Einpeitscher; und auch ohne Ideologen, die das „Volk“ für vorgeblich erhabene Ziele ins Feuer schicken. Die tunesischen Demonstranten fordern keine utopische Gerechtigkeit, wie die Islamisten das überall tun, wo sie die Meinungsführerschaft beanspruchen, auch nicht den Sturz des Kapitals – sie wollen einfach, wie Demonstranten es gegenüber Journalisten zum Ausdruck brachten, „leben wie ihr“. Damit meinen sie die Menschen in Europa. Von diesem Leben wissen sie viel, nicht nur durch das Millionenheer der Touristen, das alljährlich die Strände von Hammamet, Nabeul und Djerba besucht. Viele Tunesier empfangen westliche Fernsehsender, wie die italienische RAI oder französische Programme. Nicht zu vergessen die vielen hunderttausend Tunesier, die in Europa leben, alleine sechshunderttausend in Frankreich; doch gibt es auch in anderen europäischen Ländern, auch in Deutschland, eine ansehnliche Zahl von Exil-Tunesiern. Dass sie als Muslime unisono das Leben unter den „Ungläubigen“, wie die Islamisten das oftmals betonen, ablehnen, ist in dieser apodiktischen Form ein Pauschalurteil, das leider unter Europäern mittlerweile mehr Verbreitung findet als unter vielen Muslimen selbst.

          Inspiriert: Demonstranten fordern in Algiers die Freiheit, die sich die Tunesier auf der Straße erkämpft haben

          Beispiellose Repressionen unter Ben Ali

          Die Demonstranten, die sich aus der Provinz bis in die Hauptstadt Tunis vorarbeiteten, wollen Demokratie. Getragen wird die Erwartung von einer gut ausgebildeten Mittelschicht, an deren Entstehung der gestürzte Diktator Zine al Abidine Ben Ali durchaus kräftig mitgearbeitet hatte. Im Stile der übrigen arabischen Diktatoren hatte er es nur versäumt, die damit gewachsenen Wünsche auch zu „bedienen“: Freiheit gab es immer weniger - und Arbeitsplätze auch, zumal für Akademiker. Die „harte Hand“ arabischer Herrschertradition sollte die Stabilität für immer und ewig gewährleisten, unter dem generalisierenden Vorwand, man müsse den radikalen Islam in Schach halten.

          Dass dieses Mal die islamischen Radikalen, die man im Maghreb als Integristen bezeichnet, nicht mitmischten, lag an der beispiellosen, von Menschenrechtsorganisationen immer wieder beklagten Repression Ben Alis. In dem Maße, in dem Tunesien jetzt pluralistischer werden wird, werden natürlich auch die dezidiert islamischen Kräfte wieder stärker zu vernehmen sein. Doch in der jüngsten Jasmin-Revolution spielten sie keine Rolle, konnten sie keine Rolle spielen.

          Tunesien ist ein zutiefst islamisches Land

          Aber ist Tunesien nicht vielleicht auch eine Ausnahme in der arabischen Welt? Ist der Islam inzwischen dort nicht so geschwächt, dass politischer Unmut sich deswegen anders äußert, eben auf jene Weise, in der es geschieht? Hatte nicht schon der erste Präsident Habib Bourguiba den Islam an die Zügel genommen? Wer so argumentiert, übersieht, wie tief Tunesien und seine Bürger im Islam und seiner Geschichte wurzeln. Am besten versteht man das, wenn man die heilige Stadt Kairouan besucht, in der man des Sidi Oqba Bin Nafi gedenkt, der sich seinerzeit aufmachte, um den Islam im gesamten Maghreb verbreiten. Aus Tunesien brachen zudem die Aghlabiden auf und eroberten Sizilien, die Fatimiden drangen nach Osten, nach Ägypten vor, das sie 969 unterwarfen. Tunesien ist ein zutiefst islamisches Land, der Islam stiftet - neben der mediterranen Geschichte des Landes und der arabischen wie französischen Sprache, die die Verwestlichung in das Land hineintrug - die Identität der Tunesier. In den vergangenen Wochen wurde außerdem deutlich, dass es einen „homo islamicus“ nicht gibt, einen Träger islamischen Wesens, das ganz unveränderbar wäre, der Demokratie letztlich abhold.

          Noch gibt es keine Demokratie in Tunesien. Und ob es nach den überraschenden Ereignissen dort zu ähnlichen Erscheinungen in den Nachbarstaaten kommen wird, ist ungewiss. In Algerien, das nach einem blutigen Bürgerkrieg zu einer fragwürdigen „Stabilität“ gefunden hat, brodelt es, ebenso in dem bitterarmen Mauretanien; auch in Ägypten begehren viele gegen das versteinerte Regime von Präsident Mubarak auf, und sogar in Jordanien kam es unlängst zu Demonstrationen. Die Europäer beruhigten sich bisher mit der Erkenntnis, Arabien wolle gar keine Demokratie, sei dazu essentiell unfähig. Man braucht den Umsturz in Tunis nicht zu überschätzen, aber seit Ben Alis überstürztem Abgang sollte man solche „Wahrheiten“ überdenken und die Politik gegenüber den arabischen Ländern neu justieren.

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