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Tunesien und die arabische Welt : Das tunesische Beispiel

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Inspiriert: Demonstranten fordern in Algiers die Freiheit, die sich die Tunesier auf der Straße erkämpft haben

Beispiellose Repressionen unter Ben Ali

Die Demonstranten, die sich aus der Provinz bis in die Hauptstadt Tunis vorarbeiteten, wollen Demokratie. Getragen wird die Erwartung von einer gut ausgebildeten Mittelschicht, an deren Entstehung der gestürzte Diktator Zine al Abidine Ben Ali durchaus kräftig mitgearbeitet hatte. Im Stile der übrigen arabischen Diktatoren hatte er es nur versäumt, die damit gewachsenen Wünsche auch zu „bedienen“: Freiheit gab es immer weniger - und Arbeitsplätze auch, zumal für Akademiker. Die „harte Hand“ arabischer Herrschertradition sollte die Stabilität für immer und ewig gewährleisten, unter dem generalisierenden Vorwand, man müsse den radikalen Islam in Schach halten.

Dass dieses Mal die islamischen Radikalen, die man im Maghreb als Integristen bezeichnet, nicht mitmischten, lag an der beispiellosen, von Menschenrechtsorganisationen immer wieder beklagten Repression Ben Alis. In dem Maße, in dem Tunesien jetzt pluralistischer werden wird, werden natürlich auch die dezidiert islamischen Kräfte wieder stärker zu vernehmen sein. Doch in der jüngsten Jasmin-Revolution spielten sie keine Rolle, konnten sie keine Rolle spielen.

Tunesien ist ein zutiefst islamisches Land

Aber ist Tunesien nicht vielleicht auch eine Ausnahme in der arabischen Welt? Ist der Islam inzwischen dort nicht so geschwächt, dass politischer Unmut sich deswegen anders äußert, eben auf jene Weise, in der es geschieht? Hatte nicht schon der erste Präsident Habib Bourguiba den Islam an die Zügel genommen? Wer so argumentiert, übersieht, wie tief Tunesien und seine Bürger im Islam und seiner Geschichte wurzeln. Am besten versteht man das, wenn man die heilige Stadt Kairouan besucht, in der man des Sidi Oqba Bin Nafi gedenkt, der sich seinerzeit aufmachte, um den Islam im gesamten Maghreb verbreiten. Aus Tunesien brachen zudem die Aghlabiden auf und eroberten Sizilien, die Fatimiden drangen nach Osten, nach Ägypten vor, das sie 969 unterwarfen. Tunesien ist ein zutiefst islamisches Land, der Islam stiftet - neben der mediterranen Geschichte des Landes und der arabischen wie französischen Sprache, die die Verwestlichung in das Land hineintrug - die Identität der Tunesier. In den vergangenen Wochen wurde außerdem deutlich, dass es einen „homo islamicus“ nicht gibt, einen Träger islamischen Wesens, das ganz unveränderbar wäre, der Demokratie letztlich abhold.

Noch gibt es keine Demokratie in Tunesien. Und ob es nach den überraschenden Ereignissen dort zu ähnlichen Erscheinungen in den Nachbarstaaten kommen wird, ist ungewiss. In Algerien, das nach einem blutigen Bürgerkrieg zu einer fragwürdigen „Stabilität“ gefunden hat, brodelt es, ebenso in dem bitterarmen Mauretanien; auch in Ägypten begehren viele gegen das versteinerte Regime von Präsident Mubarak auf, und sogar in Jordanien kam es unlängst zu Demonstrationen. Die Europäer beruhigten sich bisher mit der Erkenntnis, Arabien wolle gar keine Demokratie, sei dazu essentiell unfähig. Man braucht den Umsturz in Tunis nicht zu überschätzen, aber seit Ben Alis überstürztem Abgang sollte man solche „Wahrheiten“ überdenken und die Politik gegenüber den arabischen Ländern neu justieren.

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