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Tunesien : Tote bei Sturm auf amerikanische Botschaft in Tunis

  • Aktualisiert am

Unruhen in der amerikanischen Botschaft in Tunis Bild: dpa

Anti-amerikanische Demonstranten haben nun auch die Botschaft der Vereinigten Staaten in der tunesischen Hauptstadt Tunis gestürmt. Dabei kamen mindestens zwei Menschen ums Leben. Zuvor gab es Zusammenstöße in Ägpyten und im Jemen.

          Bei einer Erstürmung der amerikanischen Botschaft in der tunesischen Hauptstadt sind am Freitag mindestens zwei Menschen getötet worden. Mindestens 29 seien zudem verletzt worden, als Demonstranten aus Wut über einen in den Vereinigten Staaten produzierten islamfeindlichen Film die Vertretung in Tunis angriffen, meldete die Nachrichtenagentur TAP unter Berufung auf vorläufige Angaben des Gesundheitsministeriums. Die gewaltsamen Proteste gegen den Film „Die Unschuld der Muslime“ hatten am Dienstag begonnen.

          Über dem Gebäude stieg am Nachmittag eine dichte schwarze Rauchwolke auf. Sicherheitskräfte versuchten mit Tränengas und Warnschüssen, die Menge zurückzuhalten. Die Menschen riefen „Allahu Akhbar“ (Gott ist groß) und schwenkten schwarze Fahnen.

          Unter Druck: Demonstranten in Tunis treten auf die amerikanische Flagge Bilderstrecke

          Weitere Demonstranten waren nach den Freitagsgebeten vom Zentrum aus auf dem Weg in den Norden der tunesischen Hauptstadt, wo die amerikanische Botschaft liegt. Um das Gebäude waren etliche Polizisten sowie die paramilitärische Nationalgarde im Einsatz.

          Auch in zahlreichen anderen muslimischen Ländern dauerten die Proteste gegen den von Amerika aus im Internet verbreiteten antiislamischen Film „Die Unschuld der Muslime“ an. In Ägypten und Jemen kam es nach den Freitagsgebeten zu Zusammenstößen zwischen der Polizei und Demonstranten, die versuchten, in Richtung der amerikanischen Botschaften vorzudringen. Sowohl in Kairo als auch in Sanaa konnten die Sicherheitskräfte die Demonstranten weit vor den Botschaften stoppen. Proteste gab es auch in den Palästinensergebieten, Indonesien, Malaysia und Afghanistan.

          In Ägpyten zog die Muslimbruderschaft aber ihren Aufruf zu landesweiten Protesten zurück: „Im Lichte der Ereignisse der vergangenen beiden Tage hat die Bruderschaft beschlossen, sich nur an einer symbolischen Demonstration auf dem Tahrir-Platz zu beteiligen“, sagte der Generalsekretär der Muslimbruderschaft, Mahmud Hussein. Der Tahrir-Platz in Kairo ist nicht weit entfernt vom Gebäude der amerikanischen Botschaft, vor der am Dienstag die Proteste begonnen hatten. Der ägyptische Präsident Mursi, der bis zu seiner Wahl der Muslimbruderschaft angehört hatte, sagte bei einem Besuch in Rom, der islamfeindliche Film sei eine „Aggression“, die „Zwietracht säen“ solle. In einer im Staatsfernsehen ausgestrahlten Rede rief Mursi die Ägypter zur Zurückhaltung auf: „Unsere Religion gebietet es, unsere Gäste, ihre Heime und ihre Arbeitsplätze zu schützen.“ Deshalb rufe er dazu auf, „keine Botschaften, Konsulate, diplomatischen Missionen oder ägyptisches Eigentum anzugreifen“.

          Der Vorsitzende der von den ägyptischen Muslimbrüdern gegründeten „Partei für Freiheit und Gerechtigkeit“, Essam al Arian, bekräftigte indes wegen des Films die schon früher von Islamisten erhobene Forderung, die Vereinten Nationen sollten ein international geltendes Gesetz beschließen, dass die Schmähung der Religion verbietet. „Es gibt schließlich ein Gesetz, dass die Leugnung des Holocaust verbietet, und die islamische Religion ist nicht weniger wert“, zitiert ihn die ägyptische Tageszeitung „Al Shorouk“.

          Erdogan verurteilt Angriff auf Konsulat in Benghasi

          Der türkische Ministerpräsident Erdogan verurteilte den Angriff auf das amerikanische Konsulat im libyschen Benghasi, bei dem der amerikanische Botschafter und drei seiner Mitarbeiter getötet worden waren. Der Gewaltausbruch schade Muslimen in der ganzen Welt, sagte Erdogan, dessen Partei AKP einen gemäßigten Islam vertritt.

          In Erwartung weiterer Ausschreitungen hatten die Vereinigten Staaten ihre Auslandsvertretungen in Alarmbereitschaft versetzt und deren Schutz verstärkt. Außenministerin Hillary Clinton verurteilte abermals den antiislamischen Film: „Die Vereinigten Staaten haben absolut nichts mit diesem Video zu tun“, sagte sie bei einem Treffen mit dem marokkanischen Außenminister Saadeddine Othmani. „Für uns, für mich persönlich, ist dieses Video widerlich und verwerflich.“ Es habe augenscheinlich nur „das zynische Ziel, eine große Religion zu verunglimpfen und Wut zu provozieren“.

          Die amerikanischen Behörden nahmen unterdessen Ermittlungen gegen den mutmaßlichen Produzenten des Schmähvideos aufgenommen. Danach soll der 55 Jahre alte Nakoula Basseley Nakoula aus Cerritots in Südkalifornien hinter dem Video stecken. Nakoula, der ein koptischer Christ sein soll, wurde 2010 wegen Kreditkarten- und Bankenbetrugs zu 21 Monaten Haft verurteilt, kam aber nach wenigen Monaten wieder frei. Zu seinen Bewährungsauflagen gehörte, fünf Jahre lang das Internet nicht zu benutzen.

          Offenbar stellte Nakoula das von ihm produzierte Video unter einem Pseudonym ins Netz. Nakoula war nach amerikanischen Medienberichten 1997 erstmals zu einer Gefängnisstrafe verurteilt worden, weil er die synthetische Droge Methamphetamin hergestellt und verkauft hatte. Der Film, der den Propheten Mohammed als Schürzenjäger, Homosexuellen und Päderasten schmäht, wurde offenbar im Sommer 2011 in der Umgebung von Los Angeles und auch im Privathaus Nakoulas gedreht.

          In Amerika führten Äußerungen Barack Obamas zu Verwirrung. Der Präsident hatte gesagt, Ägypten sei „kein Verbündeter“. Man könne Ägypten unter der neuen Führung von Präsident Mohammed Mursi weder als Verbündeten noch auch als Feind betrachten. Die demokratisch gewählte Führung in Kairo „versucht noch ihren Weg zu finden“. Das Außenministerium bekräftigte später hingegen, Ägypten bleibe ein verbündeter Staat.

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