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Präsidentenwahl in Tunesien : So etwas hat die arabische Welt noch nicht gesehen

Die Tunesier haben bei der Präsidentenwahl eine schier überwältigende Auswahl. Bild: Reuters

In Tunesien bewerben sich 26 Kandidaten um das Präsidentenamt, der Favorit aber sitzt in Untersuchungshaft. Er könnte dennoch in der Stichwahl landen – gegen einen Islamisten.

          7 Min.

          Auf der Terrasse des Cafés in Lafayette ist kein Stuhl mehr frei. Doch auf dem Großbildschirm läuft an dem milden Spätsommerabend in Tunis kein Fußballspiel mit jubelnden Fans und begeisterten „Tor“-Rufen. Der Blockbuster trägt den Titel „Der Weg nach Karthago. Tunesien trifft seine Wahl“. Im Stadtteil Karthago liegt der Präsidentenpalast. An diesem Sonntag wählt Tunesien ein neues Staatsoberhaupt; 26 Tunesier bewerben sich um das Amt. Die Kandidaten stellten sich gleich drei Debatten, die gut 30 Fernseh- und Rundfunksender live übertrugen. An den Abenden gab es ab 20.30 Uhr kein anderes Programm. „So etwas hat die ganze arabische Welt noch nicht gesehen. Das geht nur bei uns in Tunesien“, sagt ein Zuschauer stolz und zieht an seiner Wasserpfeife.

          Hans-Christian Rößler

          Politischer Korrespondent für die Iberische Halbinsel und den Maghreb mit Sitz in Madrid.

          Zweieinhalb Stunden lang ließen sich jeweils acht Kandidaten von zwei Journalisten befragen. Nicht alle waren nach den zweieinhalb Stunden überzeugt: Das sei eher ein langweiliges Quiz, nicht einmal eine richtige Talkshow gewesen, in der die Kontrahenten miteinander streiten, kritisieren einige in den populären Internetforen. Am dritten Abend liefen auf dem Bildschirmen vieler Café-Terrassen schon wieder Fußballspiele.

          Mit den drei Diskussionen nahm der bis dahin müde vor sich hin dümpelnde Wahlkampf Fahrt auf, der sich bis dahin nur auf den Plakatwänden abgespielt hatte. Für die Bewerber konnte ihr Fernsehauftritt über Sieg oder Niederlage entscheiden. Sie kämpfen um jeden Prozentpunkt, denn der Ausgang der Wahl des Nachfolgers des verstorbenen Staatspräsidenten Béji Caïd Essebsi ist völlig offen. Auf den ersten Blick erweckt der politische Schlagabtausch den Eindruck, als sei die einzige Demokratie, die die Arabellion überlebt hat, äußerst vital.

          Doch das kaum zu überblickende Kandidatenfeld demonstriert vor allem, wie uneinig und politisch gespalten die elf Millionen Tunesier sind. Vor fünf Jahren war die Präsidentenwahl ein politisches Duell zwischen dem Amtsinhaber Moncef Marzouki und Essebsi. Damals standen sich säkulare Modernisierer und moderate Islamisten gegenüber. Heute treten aus den Reihen von Essebsis Partei „Nidaa Tounes“ neun Kandidaten an, aus dem Lager der Islamisten etwa ein halbes Dutzend.

          Viele Wähler wussten bis zuletzt nur, wen sie nicht wollen. Knapp neun Jahre nach dem Beginn der Arabellion sind sie von den Politikern enttäuscht, die ihre großen Hoffnungen nicht erfüllten. Die Fernsehdebatten gaben zumindest einen Überblick, den die Presse und die sozialen Netzwerke in Tunesien nicht bieten. „Die Medienlandschaft ist hochpolitisiert. Jeder ist in seiner Echokammer. Das ist eine Gefahr für die Demokratie“, sagt Belabbes Benkredda. Der Gründer und Vorsitzende der Initiative Al Munathara organisiert seit Jahren in vielen arabischen Ländern Debatten in Internet und Fernsehen, um jungen Menschen eine Stimme zu geben. In Tunesien hat seine Initiative dabei geholfen, die Fernsehrunden vorzubereiten, zu denen sich Sender aus Algerien, dem Irak und Libyen zuschalteten, während Al Dschazira in den Rest der arabischen Welt überträgt. Hauptsponsor von Munathara ist das Auswärtige Amt in Berlin, neben der Schweiz. Wenige Staaten erhalten so viel Unterstützung wie Tunesien, das auch nach dem Willen der Bundesregierung ein demokratischer Leuchtturm bleiben soll.

          Aber auf den Wahlkampf ist ein langer Schatten gefallen. Der Favorit in den Umfragen fehlte nicht nur in den Fernsehdebatten: Nabil Karoui wurde drei Wochen vor dem Wahltermin festgenommen. Am Donnerstag hat er einen Hungerstreik begonnen; am Freitag lehnte ein Gericht einen weiteren Antrag auf Haftentlassung ab. Nur auf den Wahlplakaten ist der Unternehmer mit der schmalen Brille im ganzen Land präsent. Gegen den Gründer des größten Privatsenders Tunesiens, Nessma TV, und seinen Bruder wird wegen Steuerhinterziehung und Geldwäsche ermittelt. Solange Karoui nicht rechtskräftig verurteilt ist, ist er nicht von der Wahl ausgeschlossen. Auch im Gefängnis könnte er Staatspräsident werden. Und das ist nicht ausgeschlossen.

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