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Frauenrechte in Tunesien : Ein arabisches Vorbild

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Ohne Frauen keine Revolution: Frauen demonstrieren im Jahr 2013 gegen die islamistische Regierung des Landes. Bild: AFP

Fortschritt in der arabischen Welt ist für viele Menschen eine ungewöhnliche Schlagzeile. Doch in Tunesien ist die Zivilgesellschaft eine treibende Kraft bei der Stärkung der Frauenrechte.

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          In keinem anderen arabischen Land haben Frauen so viele Rechte wie in Tunesien, und in keiner anderen arabischen Gesellschaft sind sie so präsent. Kaum ein anderes arabisches Land hat einen höheren Frauenanteil an den Universitäten und auf dem Arbeitsmarkt: Auf einen Ingenieur kommt eine Ingenieurin, vier von zehn Richtern sind Frauen. Für viele im Westen klingt das wie etwas Unvereinbares: arabische Welt und Frauenrechte, ein muslimisches Land und Fortschritt. Dass das möglich ist, zeigt jedoch Tunesien. Nach der Revolution von 2011 wird es oft als das einzige arabische Land beschrieben, in dem es die Demokratie geschafft hat – oder in dem sie zumindest nicht gescheitert ist.

          Parlament und Regierung haben in den vergangenen Monaten mit wichtigen Entscheidungen die Frauenrechte weiter gestärkt. Zunächst wurde ein umfangreiches Gesetz verabschiedet, das Frauen vor jeglicher, auch häuslicher Gewalt schützen soll. Für das Gesetz stimmten alle anwesenden Abgeordneten. Wenig später wurde ein „Circulaire“ (Erlass) abgeschafft, der es den tunesischen Frauen verboten hatte, nichtmuslimische Männer zu heiraten. Zudem eröffnete Präsident Beji Caid Essebsi eine Debatte über die Gleichberechtigung von Mann und Frau im Erbrecht. Er kündigte an, dass sich damit eine Kommission befassen werde. Noch gilt in Tunesien das Erbrecht der Scharia, wonach die Frau weniger Anteile als der Mann erhält.

          Es scheint, als treibe die Regierung unter Präsident Essebsi diese fortschrittlichen Entwicklungen in Sachen Frauenrecht und die Öffnung des Landes nach Jahren der Diktatur voran. Die Grundlage dieser Gesetze und Erlasse ist jedoch in den ersten Jahren der Republik zu suchen – und in den jahrelangen Kämpfen der Zivilgesellschaft. „Essebsi spielte bei diesen Entwicklungen eigentlich keine Rolle“, sagt Wafa Ben Haj Omar. Die Tunesierin arbeitet in der Hauptstadt Tunis an Projekten zur demokratischen Entwicklung des Landes. Sie sagt, Essebsi habe lediglich positiv auf die Forderungen der Organisationen der Zivilgesellschaft reagiert. Sie vermutet dabei auch ein politisches Kalkül des bald 91 Jahre alten Präsidenten, der bei der nächsten Wahl wieder antreten will. Deshalb, so glaubt Ben Haj Omar, wolle er sich von der konkurrierenden islamisch-konservativen Ennahda-Partei klar absetzen.

          Die progressive Einstellung des arabischen Landes gegenüber Frauenrechten geht auf das Familien- und Personenstandsrecht, den „Code du Statut Personnel“, zurück, der 1956, im ersten Jahr nach der Erlangung der Unabhängigkeit, unter dem damaligen Präsidenten Habib Bourguiba verabschiedet worden war. Die Gesetze sichern in vielen Bereichen die Gleichheit von Mann und Frau; für die Frauen waren sie revolutionär. Die Polygamie wurde abgeschafft, der Säkularismus wurde eingeführt. Seither geht der Kampf darum, diese Gesetze vollständig zu verwirklichen und auszuweiten.

          Zwei Gründe für den Erfolg

          Die Einführung des „Code du Statut Personnel“ und danach die Arbeit der Zivilgesellschaft hätten die tunesische Gesellschaft geformt, sagt die Richterin Anware Mnasri. Das unterscheide Tunesien von anderen arabischen Ländern. Viele Tunesier sind zwar konservativ und religiös. Ihren Konservatismus könne man jedoch nicht mit dem in anderen arabischen Ländern vergleichen, sagt die Frauenrechtlerin Ben Haj Omar: „Selbst in den konservativsten Regionen Tunesiens, etwa im Süden, findet man kaum jemanden, der beispielsweise die Polygamie nur deshalb wieder einführen will, weil es so im Koran steht.“ Mnasri glaubt sogar, dass die Konservativen in Tunesien eine Minderheit sind.

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