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Aleviten in Dersim : Eine unbeugsame Provinz gegen Ankara

Dersim wurde 1936 von der türkischen Zentralregierung in Tunceli umbenannt Bild: Rainer Hermann

Verfolgung und Vertreibung prägen die Geschichte der Aleviten in der Türkei. Ankara will sie immer noch kleinhalten. Ein Besuch in Dersim – einer Provinz, die es nicht geben darf.

          8 Min.

          Ein Gebiet wie Dersim gibt es in der Türkei nicht noch einmal. Es ist die einzige Provinz, deren Wähler noch nie einen Abgeordneten der AKP von Präsident Tayyip Erdogan ins Parlament von Ankara geschickt haben. Nirgends sonst in der Türkei gibt es eine Provinzhauptstadt, die von einem kommunistischen Bürgermeister regiert wird. Und vor allem: Keine andere Provinz ist so von Aleviten geprägt. Dersim ist ihr historisches Zentrum. Doch der türkische Staat erkennt das Alevitentum nicht als eigenständigen Glauben an. Kulturelle und religiöse Vielfalt passen nicht in die Vorstellung der türkischen Nationalisten. Dersim soll nicht blühen.

          Rainer Hermann
          Redakteur in der Politik.

          Deshalb gibt es Dersim gar nicht, jedenfalls nicht auf offiziellen Landkarten – nur Tunceli. Sowohl die Provinz im ostanatolischen Gebirge als auch ihre Hauptstadt benannte die Zentralregierung schon 1936 um. Tunceli heißt wörtlich übersetzt „Bronzene Hand“, bedeutet dem Sinn nach aber „eiserne Faust“. Mit zwei Massakern machte der türkische Staat seine Drohung wahr, zunächst 1937 im Osten und Zentrum von Dersim, 1938 im Westen und dann gegen alle führenden Familien der Aleviten. Am schwersten traf es die Familie von Seyit Riza, der die alevitische Gemeinschaft Şahahmad Ocak angeführt hatte. Bis heute tut sich die Türkei schwer, dieses dunkle Kapitel der Republik aufzuarbeiten.

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