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Türkischer Rap-Song : „Schau dir Deutschland an, es ist eiskalt wie ein Greis“

Rapper Sehabe und Yeis Sensura im Musikvideo „Susamam“ Bild: Youtube

Ein Rap-Song rüttelt die Türkei auf. Der Name Recep Tayyip Erdogan kommt darin nicht vor – aber jeder weiß, dass die Kritik auf den Staatspräsidenten zielt. Auch Deutschland spielt in dem Lied eine tragende Rolle.

          3 Min.

          Über Jahre hatte die türkischen Künstler der Mut verlassen, die Missstände in ihrem Land anzuprangern. Es hatte ja schon ein Twitter-Eintrag gereicht, um zu vielen Jahren Haft verurteilt zu werden. Nun aber schüttelt ein Rap-Song das Land auf, der nichts auslässt, was in der Türkei im Argen liegt. Angestoßen hat das Gemeinschaftsprojekt der Rapper Seniser, beteiligt haben sich 17 weitere türkische Rapper.

          Rainer Hermann

          Redakteur in der Politik.

          „Susamam“ heißt ihr Rap, „ich kann nicht schweigen“. Die Zahl der Klicks, auf Youtube sind es schon mehr als 18 Millionen, und des „Gefällt mir“-Zeichens lässt erahnen, dass die Rapper den Nerv der türkischen Gesellschaft und vor allem der Jugend getroffen haben. Zwar kontrolliert der Staat die traditionellen Medien, nicht aber die Sozialen Medien. Die benutzt die Jugend, und sie hört vorzugsweise Rap.

          „Ich kann nicht aufhören, ich kann nicht still sein“

          Das Bild, das die Rapper von der Türkei zeichnen, ist niederschmetternd. Es handelt von Ungerechtigkeit und einer brutalen Staatsgewalt, von der Bereicherung einiger weniger auf Kosten der vielen und von der Herrschaft der Starken über die Schwachen, von der Gewalt gegen Frauen und der Zerstörung der Umwelt aus Profitgier. Immer wieder erklingt der Vorwurf, dass die Menschen schweigen und nicht ihre Stimme erheben.

          Der Rap soll nun wachrütteln. „Ich kann nicht aufhören, ich kann nicht still sein“, heißt es zu Beginn. „Ich habe nie meine Stimme abgegeben. Mein Kopf war mit Urlaub, Reisen und meinen Schulden beschäftigt.“ Ein Fehler sei das gewesen. „Die Gerechtigkeit ist tot. Solange es mich nicht betroffen hat, habe ich geschwiegen, und so wurde ich zum Mittäter. Jetzt habe ich Angst, einen Tweet zu verschicken, und ich habe Angst vor der Polizei meines Landes.“

          Die Rapper nennen nicht ein einziges Mal den Namen von Präsident Tayyip Erdogan. Und doch ist er allgegenwärtig: „Es ist dein Werk, die Generation ohne Hoffnung. Es ist dein Werk, die Gesellschaft, die nicht mehr glücklich ist. (...) Ich weiß nicht, weshalb diese Menschen ohne Schuld in den Gefängnissen verharren. Es ist dein Werk, diese furchtbare Bild, das sich vor mich stellt.“ Die Abgeordneten, die mit den Steuern der Armen Jachten und Häusern kaufen, würden noch reicher. „Sie und die korrupten Abgeordneten, das ist dein Werk.“

          Ein zentrales Thema, das sich wie ein Cantus firmus durch den Rap zieht, ist das Fehlen von Gerechtigkeit. „Die Gerechtigkeit, die du an deiner Tür walten lassen solltest, sie lässt sich nicht mehr öffnen.“ Damit stellen die Rapper einen Bezug zu den Gezi-Protesten her, bei denen 2013 ein Jugendlicher erschossen wurde: „Das Kind ist tot, der Beamte hat es erschossen. Aber da er Beamter war, war er im Recht. Du warst zwei Tage lang traurig, dann trockneten die Tränen.“ Das lange Schweigen, es könnte sich rächen: „Was geschieht, wenn dich jemand zu Unrecht ins Gefängnis steckt? Du wirst nicht einmal einen Journalisten finden, der dies zu einer Nachricht macht, weil sie alle in Haft sind.“ Aber auch Deutschland wird dafür kritisiert, dass es gegenüber den Missständen in der Türkei schweigt. „Schau dir Deutschland an, es ist eiskalt wie ein Greis“.

          Den Nerv der Menschen trifft der Rap-Song, weil für viele Türken die verbreitete Ungerechtigkeit die Wurzel aller Übel ist. Sie zählen dazu den Nepotismus der Regierungspartei AKP und eine Justiz, in der die Richter Urteile aus Furcht sprechen, strafversetzt zu werden. Ein Thema ist auch, dass aus den Gefängnissen freigelassen wird, wer über gute Kontakte verfügt oder genügend Geld hat. Eine verbreitete Kritik lautet, dass die Justiz nicht Recht spreche, sondern durch abschreckende Urteile die Macht der Herrschaft zu schützen habe. Das alles wird in dem Song thematisiert.

          Auch wenn keine Mächtigen namentlich angegriffen werden, ist die Botschaft klar. Ein Rapper sagte, sie hätten keine Angst vor Ermittlungen, die gegen sie eingeleitet werden könnten. Noch ist gegen sie keine Anzeige erstattet worden. Eine Kampagne der Regierungsmedien hat jedoch begonnen. Die Zeitung „Yeni Safak“ unterstellt den Rappern, mit linksextremen Gruppen zusammenzuarbeiten und Beziehungen zu Terrororganisationen zu unterhalten, also der PKK und der Gülen-Bewegung. Vor allem wirft sie den Rappern, also denen, die vorgeben, nicht schweigen könnten, vor, dass sie bereits geschwiegen hätten – und zwar im Juli 2016 zu dem gescheiterten Putschversuch und auch zum Terror der PKK. Die Gegenkampagne lautet daher „sustunuz“ – „ihr habt geschwiegen“. Verfangen hat diese Gegenkampagne bislang nicht. Vielmehr kehrt Mut zurück. So hat Ahmet Hakan, ein prominenter Kolumnist der Zeitung „Hürriyet“, geschrieben, die Rapper hätten ja nur einige Missstände geschildert, viele aber ausgelassen. Der Song hätte noch viel länger werden müssen.

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