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Zählweise neuer Corona-Fälle : Kritik an türkischer Regierung wegen Umgangs mit Fallzahlen

  • Aktualisiert am

Der türkische Präsident Erdogan und seine Regierung stehen wegen ihres Umgangs mit den Corona-Fallzahlen in der Kritik. Bild: dpa

Der türkische Gesundheitsminister hat eingestanden, dass nur Erkrankte mit Symptomen gezählt würden. In den sozialen Medien war die Empörung daraufhin groß. Viele Bürger forderten die Regierung auf, die tatsächliche Virus-Verbreitung offenzulegen.

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          Die türkische Regierung ist wegen ihrer Zählweise neuer Corona-Fälle heftig in die Kritik geraten. Nutzer sozialer Medien warfen ihr am Donnerstag vor, das wahre Ausmaß des Infektionsgeschehens im Land zu vertuschen. Gesundheitsminister Fahrettin Koca hatte bei einer Pressekonferenz am Mittwochabend eingeräumt, dass seit dem 29. Juli nur die Zahl von Corona-Erkrankten mit Symptomen gemeldet werde. Nicht berücksichtigt würden asymptomatische positive Fälle.

          Auf eine Frage nach der Zahl neuer positiver Infektionsfälle pro Tag ging er nicht ein. „Wir sprechen von Menschen mit Symptomen. Wir geben das als die tägliche Zahl von Patienten an“, sagte Koca. Die Enthüllung führte zu einem Aufschrei der Empörung in sozialen Medien, der entsprechende Hashtag setzte am Donnerstag auf Twitter einen Trend. Zahlreiche Menschen forderten die Regierung auf, die tatsächliche Verbreitung des Coronavirus unter den rund 83 Millionen Einwohnern offenzulegen.

          19 mal höhere Zahlen als gemeldet

          Der Oppositionsabgeordnete Murat Emir hatte erklärt, die tägliche Zahl der Neuinfektionen in der Türkei sei 19 Mal höher als die von der Regierung gemachten Angaben. Gesundheitsminister Koca wies das zurück. Am Donnerstag forderte Emir Koca auf, die Zahlen nicht länger zu veröffentlichen: „Keiner glaubt es. Es hat keinen wissenschaftlichen Wert. Keiner nimmt es ernst.“ Die Regierung kämpfe gegen die Zahlen statt gegen die Krankheit, sagte Emir.

          Auch die türkische Ärztevereinigung äußerte scharfe Kritik an der Erfassung von offiziellen Corona-Fällen im Land. „Die Regierung hat in Sachen Transparenz versagt und manipuliert Covid-19-Statistiken“, sagte Sinan Adiyaman für die Vereinigung der Deutschen Presse-Agentur. Kocas Erklärung sei „die Anerkennung von dem, was Ärzte seit Monaten sagen“. Die Ärztevereinigung hatte die offiziellen Zahlen in der Vergangenheit immer wieder kritisiert und geht davon aus, dass die tatsächliche Zahl deutlich höher liegt.

          Kategorie umbenannt

          In den täglich veröffentlichten offiziellen Zahlen änderte sich zum 29. Juli die Bezeichnung: Die Kategorie „neue Fallzahl“ wurde in „neue Krankenzahl“ umbenannt. Dennoch: Die offiziellen Zahlen gingen daraufhin nicht zurück. Die Regierung habe die Zahlen bereits vor der Änderung der Methodologie manipuliert, äußerte Adiyaman.

          Der CHP-Abgeordnete Emir hatte auf Twitter eine Liste veröffentlicht, laut der es an einem Tag im September allein fast 30.000 neue Fälle gegeben habe. Die Ärztevereinigung hält die Zahl für realistisch. Minister Koca kommentierte, das „sogenannte Dokument“ sei nicht offiziell.

          Am Mittwoch meldete die Regierung 1391 neue Coronavirus-„Patienten“ und 65 Todesfälle. Seit Beginn der Pandemie infizierten sich nach offiziellen Angaben 318.000 Einwohner der Türkei, 8195 starben.

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