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Türkisch-syrisches Grenzgebiet : Wo die wilden Gerüchte blühen

Ordnungshüter am Rande des Chaos: Polizisten patrouillieren durch die südtürkische Stadt Atakya im Grenzgebiet zu Syrien Bild: AYMAN OGHANNA/The New York Times

In der südtürkischen Provinz Hatay gärt es. Die Sympathien der dort lebenden Alawiten gelten dem Machthaber Assad im nahen Syrien. Der eigenen Regierung misstrauen sie.

          Doktor Matkap hat viel gearbeitet in den vergangenen Wochen. „Es ist nicht leicht für uns Ärzte derzeit, die Belastung ist extrem gestiegen. Viele Kollegen in der Notaufnahme müssen wie Kriegschirurgen arbeiten. Dazu sind sie nicht ausgebildet“, sagt der Chef der Ärztekammer der südtürkischen Grenzstadt Antakya und führt eine selbst erstellte Statistik an: Bevor die Kämpfe in Syrien ausbrachen, habe ein Chirurg in Antakya im Durchschnitt vier Operationen pro Woche ausführen müssen, derzeit seien es 22 Eingriffe in derselben Frist. Es gebe zwar Tage, an denen nicht ein einziger syrischer Patient eingeliefert werde, aber nach Kämpfen im Grenzgebiet seien dann manchmal mehr als ein Dutzend Schwerverletzte zur gleichen Zeit zu versorgen.

          Michael Martens

          Korrespondent für südosteuropäische Länder mit Sitz in Wien.

          Verwundete syrische Freischärler werden in die Notaufnahme staatlicher Krankenhäuser eingeliefert, die Kosten für ihre Behandlung trägt der türkische Staat. Kämpfer mit genügend Geld nutzen allerdings auch die Möglichkeit, zur Nachbehandlung in private Krankenhäuser zu gehen, die besser ausgestattet sind. „In der Notaufnahme haben wir zwar ausreichende Kapazitäten, aber unsere Intensivstationen sind bis an die Grenzen ihrer Leistungsfähigkeit ausgelastet“, stellt Doktor Matkap fest. Die Intensivstationen seien auf Friedenszeiten ausgerichtet und könnten, da im Unterhalt sehr teuer, mit Blick auf die Folgekosten nicht ohne Weiteres vergrößert werden.

          Berichte in der türkischen Presse über Spannungen zwischen syrischen Patienten und den Ärzten aus Antakya seien aber übertrieben, sagt Selim Matkap. Wenn es zu Spannungen komme, dann deshalb, weil die Syrer sich nicht an Regeln hielten, etwa an das Rauchverbot in türkischen Krankenhäusern oder an Hygienevorschriften. In einigen Medienberichten war das anders zu lesen. Von handfesten Konflikten war die Rede, weil die arabisch-sunnitischen Kämpfer aus Syrien den Ärzten aus Antakya misstrauten. Denn Antakya, die Hauptstadt der erst seit 1939 der Türkei zugehörigen und lange von Syrien beanspruchten Provinz Hatay, ist die Heimat der alawitischen Minderheit der Türkei. Hatay ist eine Vielvölkerprovinz. In ihrem südlichen Teil bilden die arabischen Alawiten (Nusairier) die Mehrheit, außerdem gibt es arabische orthodoxe und einige katholische Christen sowie kleine jüdische, armenische und kurdische Bevölkerungsgruppen. Auch Syriens Präsident Baschar al Assad ist Nusairier.

          In Hatay empfinden viele arabische Alawiten für ihn Sympathie, die sich nicht zuletzt aus ihrer Angst vor den Sunniten speist. Über Jahrhunderte wurden die Nusairier von sunnitischen Mehrheiten verfolgt, auch in der sunnitisch geprägten Türkei fühlen sie sich bis heute ausgegrenzt. Das schafft Konflikte, die im Ausland kaum wahrgenommen werden. Zunächst beschwichtigt Doktor Matkap noch: „Ich habe nie von einem sunnitischen Patienten gehört, dass er keinen alawitischen Doktor wolle. Ich weiß auch von keinem alawitischen Arzt, der sich geweigert hätte, einen sunnitischen Patienten zu behandeln.“ Man habe schließlich den Eid des Hippokrates geleistet. Jeder Patient, „ob Terrorist oder Bauer“, erhalte die bestmögliche Behandlung.

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