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Türkisch-syrisches Grenzgebiet : Kriegsmüde Annäherungsgewinnler

Warten in Antakya: Einige Hotels leben nun von geflüchteten syrischen Großfamilien, die noch genug finanzielle Mittel haben, um nicht in den Flüchtlingslagern unterkommen zu müssen Bild: AFP

Viele türkische Geschäftsleute hatten auf die guten Beziehungen Ankaras zum Assad-Regime gesetzt - einigen droht nun die Pleite. In der Provinzhauptstadt Antakya nahe der syrischen Grenze wird nicht geschossen - aber trotzdem trauen viele dem Frieden nicht.

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          Der Krieg tobt bei den anderen. Drüben in Syrien. In Antakya wird nicht geschossen - aber trotzdem trauen viele dem Frieden nicht. Die Versicherungsunternehmer zum Beispiel. „Wir haben zum ersten Mal in der Firmengeschichte unsere Baumwolldepots nicht gegen Feuer versichern können. Wir konnten kein Unternehmen finden, das dazu bereit war. Unser Agent hat von seiner Zentrale die Anweisung bekommen, in dieser Region grundsätzlich keine Verträge mehr über die Versicherung von Baumwolldepots abzuschließen“, erzählt Sürel Colakoglu. Er ist Mitinhaber einer Firma, die Baumwollgarn produziert, seit Generationen schon. Das Firmengelände liegt in einem Außenbezirk der südtürkischen Provinzhauptstadt Antakya, etwa 90 Mitarbeiter beschäftigt das Unternehmen zur Hochsaison.

          Michael Martens

          Korrespondent für südosteuropäische Länder mit Sitz in Wien.

          Anders als viele andere Unternehmer im türkisch-syrischen Grenzgebiet ist Sürel Colakoglu nicht direkt von dem Zerfall des Nachbarstaates betroffen, denn Kunden in Syrien standen nie auf seiner Abnehmerliste. Doch indirekt treffen die Kämpfe auch sein Unternehmen. Daran sei auch die Medienberichterstattung schuld, sagt der Unternehmer: Ständig werde Antakya in den Nachrichten als „Kriegsgebiet“ bezeichnet. Das habe in den Zentralen der Versicherungen und Banken offenbar Besorgnis hervorgerufen - obwohl in Antakya alles ruhig sei.

          Die Grenzregion zwischen Syrien und der Türkei

          Doch so genau sieht man in den Chefetagen wohl nicht hin. Der am Mittwoch von syrischen Granaten getroffene türkische Grenzort Akcakale liegt in der Provinz Sanliurfa, gut 250 Kilometer Luftlinie östlich von Antakya. Aber für Versicherungen und einige Banken, die an Unternehmer in Antakya keine Kredite mehr gewähren oder bereits ausgezahlte Summen vor der Frist zurückverlangen, macht das offenbar keinen Unterschied.

          Grenzgebiet ist Grenzgebiet. Mehr als 60 Baumwollgarnproduzenten gebe es in der Region, und alle hätten dieselben Schwierigkeiten bei der Versicherung ihrer Lager, berichtet Colakoglu. Weil seine Firma nicht groß genug ist, um für unternehmerische Fehlschläge die Allgemeinheit in die Pflicht zu nehmen, ist er in diesem Jahr vorsichtig: „Wir kaufen nicht viel ein. Unsere Lager sind nur bis zur Hälfte gefüllt.“

          Schlechter steht es um die Spediteure. Sie sind direkt von dem Krieg in Syrien betroffen. Vor dem Ausbruch der Kämpfe war in Antakya die nach Istanbul größte Lastwagenflotte der Türkei registriert. Spediteure aus Antakya, einer Stadt von etwa 200.000 Einwohnern, lieferten türkische Waren, Obst und Gemüse vor allem, nach Syrien und über das Land hinaus in viele andere Staaten im Nahen Osten.

          Das Ende der türkisch-syrischen Annäherung

          Im Vertrauen auf die sich stetig verbessernden politischen und wirtschaftlichen Beziehungen zwischen Ankara und Damaskus hatte die Fuhrleute in den vergangenen Jahren erheblich investiert, denn alle Zeichen standen auf Wachstum. Die von dem türkischen Außenminister Ahmet Davutoglu ausgerufene Politik der „Null Probleme mit Nachbarn“ funktionierte in anderen Regionen zwar nicht sonderlich gut, aber die türkischen Beziehungen zum Assad-Regime entwickelten sich prächtig. Ein Freihandelsabkommen wurde abgeschlossen, von dem besonders türkische Unternehmen profitierten. Auch die Visumpflicht wurde gegenseitig aufgehoben, und auf dem Höhepunkt der türkisch-syrischen Annäherung hielten die Regierungen beider Staaten sogar gemeinsame Kabinettssitzungen ab.

          Das ist vorbei. Niemand weiß, wie sich die Beziehungen zwischen Syrien und der Türkei entwickeln werden. Es ist schließlich nicht einmal sicher, ob Syrien als geeinter Staat eine Zukunft hat. Große Landstriche im Nordosten des Landes stehen inzwischen weitgehend unter Kontrolle der dort siedelnden syrischen Kurden, die etwa 1,7 Millionen Einwohner Syriens stellen. In den kurdischen Grenzorten in Syrien hat man die Porträts Assads abgehängt und durch Bilder des PKK-Führers Öcalan ersetzt. Was auch immer aus Syrien wird, die Kurden werden sich schwerlich wieder in einen syrischen Staat eingliedern lassen, ohne mindestens eine regionale Autonomie zu fordern.

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