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Türkei : Weitere Verdächtige im Fall Dink

  • Aktualisiert am

Demonstration in Istanbul nach der Ermordung von Hrant Dink Bild: AP

Nach der Ermordung des prominenten türkisch-armenischen Journalisten Hrant Dink in Istanbul sind fünf weitere Verdächtige festgenommen worden. Der Journalist war am Freitag auf offener Straße erschossen worden. Tausende demonstrierten gegen den Anschlag.

          Nach dem Mordanschlag auf den prominenten türkisch-armenischen Journalisten Hrant Dink in Istanbul sind fünf weitere Verdächtige festgenommen worden. Damit seien jetzt insgesamt acht Personen in Polizeigewahrsam, berichteten türkische Medien am Samstag. Der 52-jährige Journalist und Herausgeber der Wochenzeitung „Agos“ war am Freitag auf offener Straße erschossen worden. Er war im vergangenen Jahr wegen „Beleidigung des Türkentums“ rechtskräftig zu einer Bewährungsstrafe von sechs Monaten verurteilt worden.

          Die tödlichen Schüsse fielen, als der Journalist das Gebäude seiner Zeitung im europäischen Zentrum der Stadt verließ. Auf der Suche nach dem Täter nahm die Polizei bereits am Freitag am nahe gelegenen Taksim-Platz Verdächtige fest. Ob der Attentäter darunter war, war noch unklar.

          „Wir alle sind Hrant Dink“

          Istanbuls Provinzgouverneur Muammer Güler gab sich zuversichtlich, dass das Verbrechen bald aufgeklärt werde. Türkische Fernsehsender zeigten nach dem Mordanschlag Bilder einer Überwachungskamera, auf der der flüchtende Attentäter zu sehen ist.

          Der Mord hat in der Türkei Entsetzen und Solidaritätsbekundungen ausgelöst

          Mehrere tausend Menschen hatten am Freitagabend unter dem Slogan „Wir alle sind Hrant Dink“ gegen den Mordanschlag demonstriert. Auch am Samstag fanden sich zahlreiche Menschen vor dem mit Blumen und Porträts des Ermordeten geschmückten Eingang der Zeitungsredaktion ein.

          „Gegen Frieden und Stabilität“

          Der Mord rief in der Türkei und in Europa Entsetzen hervor. Der türkische Ministerpräsident Recep Tayyip Erdogan sprach von einem „abscheulichen Attentat“, das „gegen uns alle als Nation, gegen unsere Einheit und unser Zusammenleben, gegen Frieden und Stabilität“ gerichtet gewesen sei.

          „Auf die Freiheit des Denkens und unser demokratisches Leben sind Kugeln abgefeuert worden“, sagte Erdogan. „Unsere Trauer ist groß“. Die Regierung werde alles daran setzen, die Täter und möglichen Hintermänner so schnell wie möglich zu fassen. Der Erweiterungskommissar der Europäischen Union (EU), Olli Rehn, würdigte Dink als respektierten Denker und einen Streiter für die Meinungsfreiheit in der Türkei. „Ich bin schockiert und sehr traurig über diesen brutalen Akt der Gewalt.“

          Wegen „Beleidigung des Türkentums“ verurteilt

          Wegen eines Artikels über armenische Identität war Dink wegen „Beleidigung des Türkentums“ zu einer Haftstrafe von sechs Monaten auf Bewährung verurteilt worden. Das Urteil war im vergangenen Jahr vom obersten Gericht der Türkei bestätigt worden. Wegen desselben Delikts drohte dem Journalisten ein weiterer Strafprozess, nachdem er die Massaker an den Armeniern im Ersten Weltkrieg in einem Interview als „Völkermord“ bezeichnet hatte.

          Das Ergebnis der Armenier-Vertreibungen im Osmanischen Reich spreche für sich, hatte Dink in dem Interview gesagt: „Wir sehen, dass ein Volk, das 4000 Jahre auf diesem Boden gelebt hat, ausgemerzt worden ist.“ Der Anklage lag der von der EU als Einschränkung der Meinungsfreiheit in der Türkei heftig kritisierte Paragraph 301 zu Grunde, der für Beleidigung des Türkentums Haftstrafen von bis zu drei Jahren vorsieht.

          Wegen dieses Paragraphen waren in der Türkei auch der Literaturnobelpreisträger von 2006, Orhan Pamuk, und die Schriftstellerin Elif Shafak vor Gericht gestellt worden. Das Verfahren gegen Pamuk war eingestellt, Shafak freigesprochen worden. Beide hatten sich mit der Frage eines Völkermordes an den Armeniern auseinander gesetzt - ein Vorwurf, der von der Türkei heftig bestritten wird und noch heute weitgehend ein Tabuthema ist. Wegen seines Engagements für die armenische Minderheit in der Türkei war Dink im vergangenen Jahr in Hamburg mit dem Henri-Nannen-Preis für Pressefreiheit 2006 ausgezeichnet worden.

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