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Türkei und  Syrien : Ganz behutsam von null auf dreißig

Recep Erdogan

Recep Erdogan Bild: dapd

Die rasche rhetorische Eskalation ist Erdogans Domäne. Gegenüber Syrien aber will der türkische Ministerpräsident nach dem Abschuss eines Kampfjets eine Zuspitzung vermeiden.

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          Recep Tayyip Erdogan ist eigentlich Spezialist für die lauten Töne. Wer dem türkischen Ministerpräsidenten oder der Türkei das aus seiner Sicht angebrachte Maß an Respekt versagt, bekommt das schnell zu spüren. Das galt einst für die EU (als Erdogan sich noch für sie interessierte), und es gilt weiterhin für nationale Parlamente, die eine Resolution zum türkisch-spätosmanischen Massenmord an den Armeniern im Jahr 1915 verabschieden, wie zuletzt Frankreich im Januar.

          Michael Martens
          Korrespondent für südosteuropäische Länder mit Sitz in Wien.

          Von einem „Massaker an der Meinungsfreiheit“ sprach Erdogan da. Als sich Angela Merkel einmal nicht nach Erdogans Gusto zur Teilung Zyperns äußerte, empfahl ihr der neue Türkenvater, sie solle eine Tasse Tee mit ihrem Vorgänger trinken gehen, denn Gerhard Schröder verstehe besser, worum es auf der Insel gehe. Auch Erdogans wichtigste Mitstreiter, Außenminister Ahmet Davutoglu und sogar der meist etwas zurückhaltende Staatspräsident Abdullah Gül, können rhetorisch in nur zwei Sätzen von null auf hundert beschleunigen, wenn es ihnen angezeigt erscheint.

          „Niemand sollte die Entschlossenheit der Türkei bezweifeln“

          In Kontrast dazu steht die zurückhaltende Reaktion der Türkei auf den Abschuss eines türkischen Kampfflugzeugs durch die syrische Flugabwehr. Der Vorfall ereignete sich am Freitagmittag, wurde aber erst in der Nacht zum Samstag offiziell bestätigt. Die amtliche türkische Nachrichtenagentur Anadolu meldete, es seien zwei Piloten an Bord des Flugzeugs gewesen, das um halb elf am Freitagmorgen von einem Luftwaffenstützpunkt in Malatya gestartet und um 11.58 Uhr über dem Mittelmeer südwestlich der türkischen Grenzprovinz Hatay vom Radar verschwunden sei. Seither war die türkische Regierung auffällig darum bemüht, die Angelegenheit nicht anzuheizen. Durch die Anrufung des Nato-Rats, der am Dienstag zusammenkommen soll, verschaffte sich die Regierung am Sonntag weitere Reaktionszeit. „Niemand sollte die Entschlossenheit der Türkei bezweifeln, das Nötige zu tun“, sagte Außenminister Davutoglu im Fernsehen. Er ließ völlig offen, was dieses „Nötige“ sein könne.

          Staatspräsident Gül sagte, bei Hochgeschwindigkeitsflügen komme es häufiger vor, dass der Luftraum benachbarter Staaten kurzzeitig verletzt werde. Fast entschuldigend fügte er hinzu: „Diese Zwischenfälle geschehen nicht in böser Absicht, sie ereignen sich als Folge der Geschwindigkeit.“ Über der Ägäis im Grenzgebiet zu Griechenland seien unbeabsichtigte Luftraumverletzungen an der Tagesordnung, wurde Gül zitiert. Das ist korrekt, nur möchte man sich nicht vorstellen, wie die Türkei reagieren würde, wenn die griechische Luftabwehr ein türkisches Militärflugzeug vom Himmel holte.

          Auch Erdogans wichtigste Mitstreiter, etwa Staatspräsident Abdullah Gül, können rhetorisch in nur zwei Sätzen von null auf hundert beschleunigen, wenn es ihnen angezeigt erscheint Bilderstrecke
          Auch Erdogans wichtigste Mitstreiter, etwa Staatspräsident Abdullah Gül, können rhetorisch in nur zwei Sätzen von null auf hundert beschleunigen, wenn es ihnen angezeigt erscheint :

          In diesem Fall aber mahnte Gül zur Besonnenheit: „Unsere Ermittlungen werden sich darauf konzentrieren, ob das Flugzeug innerhalb unserer Grenzen abgeschossen wurde oder nicht. Weil das ernste Konsequenzen haben könnte, wird es von uns keine Stellungnahme geben, bevor die Details untersucht worden sind.“ Auch der stellvertretende Regierungschef Bülent Arinc mahnte zur Besonnenheit: „Wir dürfen uns nicht zu provokativen Reden und Taten hinreißen lassen.“

          Erdogan ergänzte vor Beginn seines zweiten Krisentreffens mit der türkischen Militärführung, es werde entschlossene Schritte geben, „sobald alle Fakten bekannt sind“. Dabei sind den Türken Gelegenheiten in Erinnerung, bei denen Erdogan sich nicht schwertat, Schritte anzukündigen, bevor eine Untersuchung überhaupt begonnen hatte. Die den Vorfall Untersuchenden taten jeweils gut daran, ein mit der vorausschauenden Einschätzung ihres Ministerpräsidenten in Einklang zu bringendes Ergebnis vorzulegen.

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