https://www.faz.net/-gpf-9ftgy

Vor Altmaiers Türkei-Besuch : Es ist nicht die Wirtschaft, Dummkopf!

Geht die türkische Wirtschaft baden? Der Istanbuler Finanzdistrikt Bild: EPA

Wirtschaftsminister Altmaier reist mit großer Delegation in die Türkei. Die wird ohne politische Reformen für viele Investoren so rasch nicht wieder attraktiv.

          Unter der Führung von Recep Tayyip Erdogan, seit mehr als 15 Jahren also, kannte die türkische Wirtschaft lange nur eine Richtung: Es ging aufwärts. Zwar gab es 2009 als Folge der weltweiten Finanzkrise einen kurzen Einbruch, doch schon im Jahr darauf hatte die Türkei ihn mehr als wettgemacht.

          Michael Martens

          Korrespondent für südosteuropäische Länder mit Sitz in Wien.

          Danach wuchs die türkische Wirtschaft allen anderslautenden Prognosen zum Trotz robust weiter. Doch seit einiger Zeit stehen die Türken vor einer ungewohnten, fast schon vergessenen Erfahrung: Das Wachstum trübt sich ein, die Lira steht unter starkem Druck, und für 2019 erwarten viele Ökonomen (die sich in ihren Voraussagen zur Türkei in den vergangenen zehn Jahren allerdings oft geirrt haben) bestenfalls Stagnation.

          Rückkehr zum IWF?

          Wer dieser Tage mit türkischen Unternehmern und Ökonomen oder mit Diplomaten in Ankara spricht, wird allerdings recht unterschiedliche Antworten auf die Frage hören, was das Land tun müsse, um wieder zu einem gesunden Wachstum zu kommen. Einig sind sich viele Beobachter jedoch darin, dass Wirtschaftsreformen allein den Ausweg nicht bieten werden. Nach James Carville, der als Kopf der Wahlkampagne von Bill Clinton 1992 den berühmt gewordenen Satz „It’s the economy, stupid!“ prägte, ließe sich über die Türkei heute sagen: Es ist nicht die Wirtschaft, Dummkopf! Zumindest ist es nicht die Wirtschaft allein.

          Immer wieder hört man in Gesprächen, dass ein Teil der wirtschaftlichen Schwierigkeiten des Landes politische Ursachen habe und auch nur politisch überwunden werden könne. Solange die Türkei ein Einmannstaat sei, in dem jede halbwegs wichtige Entscheidung von Erdogan persönlich getroffen werde, könnten auch die oft geforderten „Strukturreformen“ nur bedingt Wirksamkeit entfalten, wird gesagt.

          Darüber, welche Reformen nötig sind, herrscht allerdings keine Einigkeit. Liberale Ökonomen und viele Unternehmer versichern, ideal für die Türkei wäre eine Rückkehr unter die Aufsicht des Internationalen Währungsfonds, des IWF. Das bisher letzte IWF-Programm für die Türkei hatte Erdogan 2008 auslaufen lassen, da er die wirtschaftspolitischen Auflagen des Fonds nicht länger akzeptieren wollte und sein Land ohnehin boomte. Doch es gibt Ökonomen, die in einer Rückkehr zum IWF keinesfalls eine Lösung sehen. Zu ihnen gehört Ümit Akcay, der einst an der Bilgi-Universität in Istanbul lehrte, inzwischen aber zu dem wachsenden Heer türkischer Akademiker gehört, die der Türkei den Rücken gekehrt haben und auf absehbare Zeit keinesfalls dorthin zurückkehren wollen.

          Das Auf und Ab der Lira

          Akcay lehrt derzeit an der Hochschule für Wirtschaft und Recht in Berlin. Er warnt vor dem Glauben, eine Rückkehr des IWF sei für die Türkei der Weg aus der Krise. Denn obwohl der Fonds nach der Jahrtausendwende auch Gutes bewirkt habe, etwa durch die Reform des türkischen Bankensektors, seien einige der Ungleichgewichte, unter denen das Land heute leide, auch eine Folge von dessen Interventionen. So sei es nach 2001 zwar gelungen, die Lira zu stabilisieren und sogar zu stärken, doch in der Folge sei die türkische Währung überbewertet gewesen, was unbeabsichtigte Konsequenzen hatte: Da die Lira stark war, begannen viele türkische Unternehmen, Zwischenprodukte zu importieren, statt sie selbst herzustellen. Das habe die Produktionsfähigkeit der Industrie geschwächt und zu einer „verfrühten Deindustrialisierung“ geführt, zitiert Akcay den türkischen Harvard-Ökonomen Dani Roderik. Nun, da die Lira abgestürzt ist und sich Importe entsprechend verteuern, fehle vielerorts die Kapazität, um Einfuhren zu ersetzen.

          Weitere Themen

          Der Rest ist Propaganda

          Erdogans Akademiker : Der Rest ist Propaganda

          Wer dachte, eine Tagung des Zentrums für Türkeistudien in Essen würde die Lage der Universitäten am Bosporus kritisch beleuchten, sah sich getäuscht: kein Wort von Erdogans Säuberungen, nur Lob für den Potentaten.

          Mursi starb offenbar an Herzinfarkt Video-Seite öffnen

          Ex-Präsident von Ägypten : Mursi starb offenbar an Herzinfarkt

          Am Montag bei einer Anhörung vor Gericht ist der ehemalige ägyptische Präsidenten Mohammed Mursi ohnmächtig zusammengebrochen und später gestorben. Seine Anhänger der Muslim-Brüder sprachen von einem ausgewachsenen Mord.

          Amerika verlegt weitere Soldaten in den Nahen Osten Video-Seite öffnen

          Interessen bedroht : Amerika verlegt weitere Soldaten in den Nahen Osten

          Angesichts der zunehmenden Spannungen mit dem Iran nach dem Angriff auf zwei Öltanker sehen die Vereinigten Staaten ihre Interessen in der gesamten Region bedroht. Verteidigungsminister Patrick Shanahan setzt daher auf stärkere Verteidigung im Nahen Osten.

          Topmeldungen

          Handelskonflikt : Spielt China seinen nächsten Trumpf aus?

          Mitten im Handelskrieg der beiden größten Wirtschaftsmächte verkauft Peking so viele amerikanische Staatsanleihen wie seit Jahren nicht mehr. Zieht China nach seiner angedrohten Beschränkung des Exports der Seltenen Erden nun seine nächste Waffe?
          Zwei, die sich verstehen: Luca Waldschmidt (rechts) jubelt mit Marco Richter bei der U21-EM in Italien.

          Nach Auftaktsieg bei EM : Poolparty für deutsche Fußball-Junioren

          Die „Spaßbremse“ Stefan Kuntz war nicht dabei, die Siegesfeier aber hat der Trainer genehmigt: Nach dem 3:1 zum Start der EM bekommt die deutsche U21 ein Extra-Lob – und der Kapitän gibt ein Versprechen ab.

          Newsletter

          Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Abonnieren Sie unsere FAZ.NET-Newsletter und wir liefern die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
          Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.