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Türkei-Kommentar : Erdogans Geiseln

Beim heimischen Publikum mag das Verhalten des türkischen Präsidenten Erdogan ankommen. Doch in den internationalen Beziehungen gelten andere Benimmregeln.

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          Spielraum nach unten besteht immer. Glaubt man, der Tiefpunkt sei endlich erreicht, legt der türkische Staatspräsident Tayyip Erdogan nach. So auch jetzt – mit seinem Boykottaufruf zur Bundestagswahl, mit dem unwürdigen Abkanzeln von Außenminister Gabriel und dann mit der Festnahme des aus der Türkei stammenden deutschen Staatsbürgers Dogan Akhanli in Spanien.

          Bislang hatte sich die türkische Führung damit zufrieden gegeben, in der Türkei deutsche (und andere) Geiseln zu nehmen oder sie dort wenigstens vorübergehend festzuhalten. Nun dehnt Erdogan seine Verhaftungswelle aber auf Drittstaaten aus, und Spanien nahm zum zweiten Mal aufgrund eines von Interpol ausgestellten Haftbefehls einen aus der Türkei stammenden Kritiker des Regime Erdogans zunächst fest.

          Akhanli wird zu einem Präzedenzfall. Das darf sich nicht wiederholen. Sollte ihn Spanien innerhalb von 40 Tagen an die Türkei überstellen, müssten künftig alle Kritiker Erdogans vor Reisen Angst haben. So hofft Erdogan, überall kritische Stimmen zu seiner autoritären Politik zum Schweigen zu bringen ebenso wie jene zum Völkermord an den Armeniern. Die Lehre daraus kann nur sein, dass Interpol die Grundlagen seiner Zusammenarbeit mit der Türkei überdenkt.

          Ungewöhnlich war am Wochenende auch, wie flegelhaft Präsident Erdogan den deutschen Außenminister Sigmar Gabriel beschimpfte. Der hatte sich lediglich die Einmischung der Türkei in den deutschen Wahlkampf verbeten, worauf Erdogan mit einem rüden „Wer bis du eigentlich, dass du mit mir redest“ reagierte. Das mag bei seinem heimischen Publikum gut ankommen. Dem gibt er so zu verstehen, wie er groß und erhaben er, der Präsident der Türkei, sei, und wie klein dagegen alle anderen wirkten. In den internationalen Beziehungen gelten aber andere Benimmregeln als im permanenten türkischen Wahlkampf.

          Es ist eigenartig, wie sich Erdogans Hilfsverbände in Deutschland zu diesen Entgleisungen ausschweigen. Zu diesen gehört neuerdings auch die „Allianz Deutscher Demokraten“, die von Erdogans Anhängern gegründet wurden und die nun an der Bundestagswahl teilnimmt. Sie stellt die Verbindung zu Erdogans Boykottaufruf her. Schließlich erwartet Erdogan von seiner fünften Kolonne, dass sie sich für die Interessen der Türkei einsetzt und nicht für die Deutschlands.

          Rainer Hermann
          Redakteur in der Politik.

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