https://www.faz.net/aktuell/politik/ausland/tuerkei-erdogans-pyramiden-12639652.html

Türkei : Erdogans Pyramiden

Im Leitstand: Staatspräsident Gül und Ministerpräsident Erdogan lenken die U-Bahn zur Eröffnung des Bosporustunnels. Bild: dpa

Der Bosporustunnel ist eines von zahllosen Megaprojekten, die in der Türkei entstehen. Der Regierungschef will so seinen Ruhm mehren – und die Wirtschaft des Landes ankurbeln. Istanbul erinnert zunehmend an das neureiche Dubai.

          3 Min.

          Für ihren 100. Geburtstag hat die Türkei eine große Vision: Bis zum 29. Oktober 2023 soll sie unter die zehn größten Volkswirtschaften der Welt aufgestiegen sein, mit einem Einkommen pro Einwohner, das dem heutigen Lebensstandard der Tschechen oder Portugiesen entspricht. Und natürlich sieht sich die Türkei dann auch als Mitglied der EU. Der 90. Geburtstag ist auf diesem Weg ein wichtiger Zwischenschritt, und so versteht es sich, dass sich eine Türkei, die groß denkt, nicht mit kleinlichen Projekten abgibt.

          Rainer Hermann
          Redakteur in der Politik.

          Ministerpräsident Recep Tayyip Erdogan, berauscht von den politischen und wirtschaftlichen Erfolgen vor allem seiner ersten Jahre als Ministerpräsident, hat daher die Megaprojekte für die großen Geburtstage zur Chefsache erklärt. Einige werden seinen Namen tragen, auf dass er als großer Staatsmann in alle Ewigkeit fortwirke. Erdogan lässt keine Pyramiden, Mausoleen oder Tempel bauen, sondern der Welt größten Flughafen, einen Kanal parallel zum Bosporus, eine dritte Brücke über den Bosporus, einen Tunnel unter dem Bosporus, Atomkraftwerke und vieles mehr, was viel Geld kosten wird und ihm und der Republik Ruhm einbringen soll. Parallel dazu wird Istanbul zunehmend zu einer Stadt, die – als Folge der Gentrifizierung – in viel zu vielen Teilen immer mehr dem neureichen Dubai gleicht als der geschichtsträchtigen und lebendigen Hauptstadt der Osmanen am Bosporus.

          Am Dienstag wurde zum 90. Geburtstag der türkischen Republik der 13, 6 Kilometer lange Unterwassertunnel in Betrieb genommen, der den europäischen Teil Istanbuls mit dem asiatischen Teil verbindet und der den notorischen Verkehrskollaps etwas mindern soll. Über das Wasser soll zehn Jahre später noch eine dritte Brücke über den Bosporus führen.

          Bild: F.A.Z.

          Ein weiterer wichtiger Tag auf dem Weg zum 100. Geburtstag der Türkei war der 3. Mai 2013. Am Morgen unterzeichnete Erdogan erst mit dem japanischen Ministerpräsidenten Shinzo Abe ein Abkommen über den Bau eines Atomkraftwerks mit 5000 Megawatt Leistung; entstehen soll es in Sinop am Schwarzen Meer. Am Nachmittag gab sein Verkehrsminister Binali Yildirim den Zuschlag für den Bau und Betrieb eines Flughafens an ein Konsortium von fünf türkischen Baukonzernen bekannt. 2017 soll der weltgrößte Flughafen seinen Betrieb aufnehmen. Er soll ein Zeichen des neuen Selbstbewusstseins Istanbuls sein, des Wirtschaftszentrums der aufsteigenden Regionalmacht Türkei. Einer Stadt, die sich als Metropole vom Range New Yorks und Londons sieht.

          Eine neue Wachstumsachse

          Die Frankfurter Fraport AG, die den Flughafen gerne gebaut hätte, war in dem Auktionsverfahren bei einem Gebot von 22 Milliarden Euro ausgestiegen. Das türkische Konsortium erhielt den Zuschlag bei 22,35 Milliarden Euro – eine Summe, bei der Finanzfachleute an der Rentabilität des Projekts zweifeln. Diesen Betrag hat der Staat 25 Jahre nach Abschluss der Bauarbeiten, wenn sich der Flughafen, der nördlich von Istanbul am Schwarzen Meer als globales Drehkreuz etabliert hat, als Ablösegebühr zu zahlen. Dann sollen jedes Jahr 150 Millionen Passagiere abgefertigt werden – dreimal so viele wie heute in Frankfurt.

          Weitere Themen

          „Wir haben Platz für alle“

          FAZ Plus Artikel: Saudi-Arabien : „Wir haben Platz für alle“

          Bis 2030 will Saudi-Arabien zum wichtigsten Touristenziel der Arabischen Halbinsel werden – ein kühner Plan, an den viele junge Saudis glauben. Aber kann der Übergang in eine neue kulturelle Identität mit der Geschwindigkeit des Fortschritts mithalten?

          Topmeldungen

          Kanzler Scholz, Arbeitgeber-Präsident Dulger und Gewerkschaftsbund-Chefin Fahimi

          Kanzler Scholz : „Wir stehen vor einer historischen Herausforderung“

          „Die aktuelle Krise wird nicht in wenigen Monaten vorübergehen“, fügte Scholz hinzu. Russlands Angriffskrieg auf die Ukraine habe alles geändert, die Lieferketten seien durch die Corona-Pandemie nach wie vor gestört und die generelle Unsicherheit wachse.
          Ein Thermogramm offenbart die energetischen Schwachstellen. Von weiß über rot, gelb und blau nach schwarz signalisiert warm bis kalt.

          Haus, Auto, Kühlschrank : Wie sich jetzt Energie sparen lässt

          Die Regierung ruft zum Energiesparen gegen Russland auf. Frieren für den Frieden muss das nicht bedeuten – aber es gibt viele Möglichkeiten, wie jeder einzelne weniger Gas und Öl verbrauchen kann.

          Eine Woche im Bundestag : Das Knirschen der Macht

          Er will der Gesellschaft etwas zurückgeben, aber wie erträgt man diese entfremdete Sprache? Eine Woche im Bundestag unterwegs mit dem SPD-Abgeordneten Martin Rosemann.

          Newsletter

          Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Sie können bis zu 5 Newsletter gleichzeitig auswählen Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
          Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.